Von Timo Roller
Happy Birthday, Shavei Zion, Masel tov! Heute vor 88 Jahren, am 13. April 1938, wurde der Moschaw Shavei Zion von aus dem schwäbischen Rexingen ausgewanderten Juden gegründet. Ende der 1930er Jahre spürten die jüdischen Bürger des Dorfes immer stärker werdende Repressalien durch die Nationalsozialisten. Viele jüdische Familien packten ihre Koffer, verließen ihre Heimat und wanderten aus. Mit dem Schiff kamen sie 1938 im britischen Mandatsgebiet Palästina an. Der damals neu gegründete Ort liegt direkt am Ufer des Mittelmeers.

Bis heute erinnert ein kleines Museum an die Geschichte Rexingens und Shavei Zions. Anlässlich des Gründungstags hat Archivarin Judith Temime einen Beitrag geschrieben, in dem sie insbesondere auch auf das »unverwechselbare Markenzeichen« des Ortes eingeht, einer Kombination aus den hebräischen Buchstaben »Schin« und »Zadi«, die zusammen ein stilisiertes Segelboot bilden. Wir haben den Beitrag mit der letzten Infopost verschickt, er kann aber auch hier im PDF-Format heruntergeladen werden: »13. April 1938 – Gründungstag von Shavei Zion«.
Seit den 1960er Jahren befindet sich in Shavei Zion unser Zedakah-Gästehaus »Beth El«. Unser Dienst an Holocaust-Überlebenden hat sich seit Corona und in den gegenwärtigen Kriegszeiten gewandelt in einen Dienst am israelischen Volk – nach wie vor jedoch ganz im Sinne unseres Leitverses aus Jesaja 40,1: »Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott«. Wir haben vielfach darüber berichtet. Auch am heutigen Moschaw-Geburtstag gab es Alarm!
Heute Abend beginnt in Israel der Holocaust-Gedenktag Jom HaSchoa, der morgen – am 14.4.2026 – begangen wird. Wie jedes Jahr werden um 10 Uhr landesweit die Sirenen heulen und zum Gedenken an die Opfer erinnern. Und doch wird es anders sein: Falls es während des Gedenksignals einen Raketenalarm geben sollte, werden die Sirenen ihren Ton nahtlos ändern, um die Bevölkerung zu warnen. Nicht nur hier zeigt sich, dass in Israel Vergangenheit und Gegenwart unmittelbar miteinander verwoben sind.
In Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt geraten die Schrecken der Naziherrschaft in Vergessenheit und viele wollen einen Schlussstrich ziehen unter unsere dunkle Vergangenheit. Nicht wenige vergleichen sogar Israel, das sich gegen Terror und Vernichtungsfantasien verteidigt, mit den Tätern von damals, die die »Endlösung der Judenfrage« planten, 6 Millionen Juden ermordeten, aber schließlich daran scheiterten, das jüdische Volk auszulöschen.
Die Perspektive auf den Irankrieg und den ganzen Nahostkonflikt ist in Israel eine völlig andere: Man will die Existenz des weltweit einzigen Judenstaates verteidigen und nie wieder zulassen, dass Juden als wehrlose Opfer der geplanten Vernichtung preisgegeben sind. Genau deshalb spielt der Jom HaSchoa eine so wichtige Rolle und ist nicht nur wie in Deutschland ein Tag der oftmals heuchlerisch erscheinenden Betroffenheit und Aneinanderreihung leerer Floskeln wie »Nie wieder« …

Als Zedakah – mit dem iP-Zentrum und dem Papierblatt-Projekt – versuchen wir jedes Jahr am 27. Januar, Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. 2026 hatten wir mehrere eindrückliche Veranstaltungen mit dem 102-jährigen Walter Bingham aus Jerusalem. Neu auf YouTube hochgeladen ist die Veranstaltung im Landratsamt Karlsruhe.
Die öffentlichen Gedenkveranstaltungen in Shavei Zion an den üblichen Plätzen wurden bereits abgesagt und in unser Gästehaus verlegt, denn hier stehen ausreichend Schutzmöglichkeiten für den Alarmfall zur Verfügung.
Welches Vertrauen: Die Nachkommen der Opfer des Holocaust werden bei uns zu Gast sein, um an diese Zeit zu erinnern, bei der unsere Vorfahren Täter waren. Es ist ein großes Vorrecht, an diesem besonderen Tag und an diesem besonderen Ort Gastgeber sein zu dürfen. An einem Ort, den aus unserer Heimat geflüchtete Juden vor 88 Jahren gegründet haben. Was für ein Wunder!
Die Behörde für die Rechte der Überlebenden des Holocaust veröffentlichte zum bevorstehenden Jom HaSchoa aktuelle Daten (hebräische Quelle unter www.cbs.gov.il). Demnach leben in Israel gegenwärtig rund 110.000 Holocaust-Überlebende, alle über 80 Jahre alt, 28 Prozent von ihnen sind bereits über 90 Jahre alt.
63 Prozent sind Frauen und 37 Prozent Männer. Fast die Hälfte der Holocaust-Überlebenden (49,3 Prozent) sind verwitwet. Derzeit leben in Israel 9300 Paare, bei denen beide Ehepartner Holocaust-Überlebende sind.
Zu den Zahlen gehören nicht nur die Überlebenden der Konzentrationslager und Ghettos, sondern auch die Einwanderer aus dem Irak, die die Ereignisse des Farhud (antijüdisches Pogrom) 1941 überlebten, sowie die Juden Marokkos, Algeriens und Tunesiens, die unter Einschränkungen und Verfolgung unter dem Vichy-Regime und den Nazis litten.
Die gesamte Zahl der Juden weltweit beträgt 15,8 Millionen, was immer noch niedriger ist als am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, als das jüdische Volk 16,6 Millionen Menschen zählte. 45 Prozent aller Juden – etwa 7,2 Millionen – leben in Israel. Die USA bleiben mit 6,3 Millionen Juden (etwa 40 Prozent) die zweitgrößte jüdische Gemeinschaft.
Der israelische Staatspräsident Jizchak Herzog empfing bereits gestern mehrere Holocaust-Überlebende bei sich in Jerusalem. Unter seinen Gästen war Avigdor Neumann, mit dem wir im Oktober 2025 ein Interview führen konnten, das inzwischen auf YouTube veröffentlicht ist. Am Holocaust-Gedenktag 2024 hat er via Zoom zu uns gesprochen.
Während bei uns jüdische Friedhöfe verfallen, jüdisches Leben in der Öffentlichkeit bedroht ist und sich Politik, Medien und Gesellschaft von Israel abwenden, ist es uns ein Anliegen, das Land zu unterstützen, das Zufluchtsort für Juden aus aller Welt ist. Zugleich ist Israel ein modernes, demokratisches Land mit vielen Innovationen und einer großen Zukunft voller Verheißungen. Auch und besonders in Shavei Zion, das heute Geburtstag hat, dürfen wir daran teilhaben, dass das Volk Israel lebt – Am Israel Chai!


