Zusammengestellt von Judith Rentschler
Aufgrund der Vorgaben durch den Zivilschutz in Bezug auf Versammlungsgrößen und Veranstaltungsorte wurden die beiden Gedenkveranstaltungen zum Jom HaShoa, dem israelischen Holocaustgedenktag, in unserem Speisesaal in Bunkernähe durchgeführt. Dass dies die richtige Entscheidung war, zeigte sich am Ende der zweiten Veranstaltung, als wir wegen Raketenalarms mit allen Anwesenden in den Schutzraum mussten.
Immer wieder hören wir zwischen den Zeilen, wie der eine oder andere nach wie vor Mühe hat, ein Haus von Deutschen zu betreten, die deutsche Sprache zu hören und bei Deutschen Schutz zu suchen. Umso mehr bewegte uns die Anfrage, ob die Gedenkveranstaltungen mit Blick auf die »Tröstet«-Wand unseres Speisesaals durchgeführt werden könnten und wir bei der musikalischen Begleitung unterstützen würden.
In einem Beitrag an diesem Abend hieß es: »Heute Abend sind wir hier versammelt, an diesem so symbolträchtigen, angenehmen und sicheren Ort: Zedakah Beth El. Wir sind Gäste – fast Angehörige – der Organisation Zedakah. Unsere Gastgeber sind Menschen deutscher Abstammung, die den Holocaust der Juden als Teil ihrer Geschichte nicht ertragen konnten. Sie entschieden sich, hierher zu kommen, unter uns zu leben und unser Schicksal zu teilen. Mit ihrer gesegneten und besonderen Aufgabe, Gutes zu tun und ständig nach Gerechtigkeit zu streben beherbergen sie Überlebende, pflegen Überlebende – auch in diesen Kriegszeiten – und bieten und liebevolle und großzügige Gastfreundschaft an, die wir ein sicheres Dach brauchen. Mit offenem Herzen und Willen haben sie uns empfangen.
Wir werden im Verlauf des Abends auch die ›Gerechten unter den Völkern‹ erwähnen, die wussten, wie man dann, wenn es darauf ankommt, auf den menschlichen Geist in sich hört. Und heute sind wir hier mit einem Team von Freiwilligen, deren menschlicher Geist auf Hochtouren arbeitet. Möge dieser Gedenkabend eine Brücke zwischen unserer trennenden Vergangenheit und einer gemeinsamen Zukunft sein – weil wir alle Menschen sind.«

Tobi, eine Bewohnerin Shavei Zions und einziges Kind von Holocaust-Überlebenden las mit ihrer Tochter Libi den Text eines Liedes vor mit dem Titel: »Jeder Mensch hat einen Namen«.
Im letzten Jahr hatte sie persönliche Erinnerungen weitergegeben: »Wenn du mich anschaust, siehst du eine Frau im fortgeschrittenen Alter – noch nicht alt, aber sicher nicht mehr jung. Weißes Haar, Falten im Gesicht … Aber nein, ich bin immer noch dieses Mädchen, das Mädchen, das in einem Zuhause mit zwei Holocaust-Überlebenden aufgewachsen ist. Warmherzigen und liebevollen Eltern, die viel gegeben haben – aber auch mit vielen Geheimnissen einer dunklen Vergangenheit. Einer Vergangenheit, über die weder gesprochen noch danach gefragt wurde.
Woher wusste ich, dass ich nicht danach fragen sollte? Ich wusste es einfach. Es lag in der Luft. Und in ihren Augen. Traurigkeit in den Augen, selbst wenn sie lächelten. Und in allen möglichen Hinweisen: Man kauft kein deutsches Auto, nicht einmal eine kleine Schale, die in Deutschland hergestellt worden war.
Mutter wacht nachts schreiend auf, als eine Krankenwagensirene die Stille unterbricht und sie weckt. Draußen tragen Mama und Papa die Maske von ›wir sind gewöhnliche Menschen‹ und verhalten sich wie alle anderen, lächeln alle an, gehen zur Arbeit und pflegen soziale Kontakte.
Aber wenn die Haustür sich schließt, werden sie wieder zu dem, was sie wirklich sind: Da ist etwas Ängstliches in ihnen, etwas Verletztes, ständige Unruhe. Es gibt Wärme und Liebe, aber kein tiefes Gespräch. Sicherlich keine Geschichten über die Vergangenheit, über das Leben, bevor sie in die Vereinigten Staaten kamen.
Ich weiß, dass ich keine Fragen stellen darf. Ich verstehe, dass es ihnen wehtun wird, und ich möchte ihnen keinen Schmerz zufügen oder – Gott bewahre – sie zum Weinen bringen.
Unser Haus ist ruhig. Außer der klassischen Musik, die Papa gerne hört. Es gibt nur wenige Gespräche. Ich bin Einzelkind. Es gibt keinen Bruder oder keine Schwester, mit denen man wild toben, lachen oder streiten könnte. Oder auch mit ihnen flüsternd versuchen, das Schweigen von Mama und Papa zu entschlüsseln.
Sind meine Freunde auch mit diesem Phänomen vertraut? Wahrscheinlich nicht. Schließlich bin ich in einer Kleinstadt aufgewachsen, in der viele Juden lebten, aber Holocaust-Überlebende? Nur meine Eltern. Wir haben in der Schule nichts über den Holocaust gelernt, sie haben den Holocaust überhaupt nicht erwähnt. Es war sozusagen unser Familiengeheimnis.
Später, 10 Jahre nachdem wir bereits nach Israel eingewandert waren, sagte meine Mutter mir, dass sie mir nicht erzählt hätten, was sie durchgemacht hatten, weil sie mich nicht belasten wollten. Sie wollten, dass ich ein amerikanisches Mädchen werde wie alle Kinder. Sie wollten, aber es war unmöglich. Die riesige, dunkle und tragische Wolke hängt in der Luft, solange ich mich erinnern kann. So etwas kann man nicht verbergen. Ein Gefühl, das sich nicht in Worte fassen lässt. Ich habe die Wolke gespürt. Ich bin mit ihr aufgewachsen. Sie wurde ein Teil von mir, ob ich wollte oder nicht. Sie durchdringt jede Zelle meines Körpers und Geistes. Ist Teil meiner Identität.
Bis heute bin ich dieses Mädchen. Vor nicht allzu langer Zeit spazierte ich mit meinem 40-jährigen Sohn durch Tel Aviv. Er erwähnte meine Eltern und wie sehr er sie liebte und wie wichtig sie für sein Leben waren. Und plötzlich sagte er: ›Der Holocaust ist ein untrennbarer Teil von mir. Ich habe das Gefühl, er ist Teil meiner DNA. Ich bin so sensibel für das Thema, dass es mich zum Weinen bringt.‹
Ich blieb stehen und sah ihn an. Was? Es gibt auch eine dritte Generation? Es ist noch nicht vorbei! Und wir dürfen nicht aufhören, darüber zu sprechen.«
Nicht vorbei!
Es ist noch nicht vorbei. Auch nicht für die vierte Generation, die sich mit der Vergangenheit des Holocausts beschäftigt und im steigenden Antisemitismus der Gegenwart leben muss.
Ein Zwölftklässler berichtete von seinen Gedanken bei einer Reise nach Polen: »Wir haben gerade unsere Tour durch Majdanek beenden. Auf eine Art und Weise, die für mich schwer zu ertragen ist, fühle ich mich auf dem emotionalen Tiefpunkt der Reise. Die unvorstellbaren und endlosen Informationen, die ich in den letzten Tagen und heute gehört habe, dringen langsam in mein Bewusstsein ein.
Ein riesiges schwarzes Gefühl von Wissen beginnt sich zu füllen mit Geschichten, Fakten, Bildern und Gerüchen. Jede Geschichte, die ich höre, wirft mich in eine Parallelrealität, die meine Vorfahren vor 80 Jahren erlebt haben. Wenn ich durch die Lager und Ghettos gehe, kann ich nicht anders, als mich in ihre Lage zu versetzen, verschiedene Situationen durchzugehen und mir die Entscheidungen vorzustellen, die ich treffen würde.
Wenn ich in die Realität zurückkehre und die tiefgründige Kluft zwischen meinem Schicksal und dem derjenigen verstehe, die dort waren, verstehe ich, dass jede Entscheidung, die ich in ihrer Situation getroffen hätte, keine Gültigkeit hat, denn selbst wenn ich mir selbst vormache, dass ich es tue, habe ich in meinem kurzen Leben nie einen solchen Bruch, ein solches Schicksal, ein solches Leben erlebt.
Gleichzeitig mit den Vorstellungen, die mich überwältigen, kann ich nicht anders, als eine Parallele zu den Schwierigkeiten zu ziehen, die in unserer Realität existieren, auch wenn sie im Vergleich zur damaligen Realität fast verblassen.
Ich denke viel nach. Ich komme zu unzähligen Schlussfolgerungen darüber, wie sie sich gefühlt haben und wie ich umgehen möchte mit diesem Vermächtnis, das sie mir hinterlassen haben.
Am nächsten Tag werden unzählige weitere Schlussfolgerungen gezogen, von denen viele völlig im Widerspruch zu denen des Vortages stehen. Ich weiß, dass ich keine Ahnung von den Auswirkungen dieser Reise auf den Rest meines Lebens habe. Hauptsächlich hoffe ich, dass ich nicht vergesse, was ich hier durchgemacht und erlebt habe, weder die Bilder, noch die Geschichten und die Gedanken.
Ich bin stolz auf das, was ich von den Überlebenden höre und sehe, aber ich habe auch Angst und hoffe, dass weder ich noch jemand nach mir eine Wiederholung des Holocausts erleben werden. Das darf nicht wieder passieren, nie wieder, unter meiner Verantwortung, unserer Verantwortung! Ich bitte und hoffe, dass jeder von uns – die Jugend Israels – in seinem Leben Raum gibt, über unsere persönliche Verantwortung als Zukunft des Staates Israel und als nächste Generation nach den Holocaust-Überlebenden nachzudenken. Die beste Zeit, um für eine bessere Zukunft zu arbeiten, ist vergangen – und unsere Eltern und Großeltern haben sie gut genutzt. Die zweitbeste Zeit, an einer besseren Zukunft weiterzuarbeiten, ist: heute. Nun sind wir dran, eine neue Generation.«
Die beste Zeit ist auch für uns als Deutsche vergangen: Viele Menschen haben in der Vergangenheit Verantwortung übernommen, um an einer gemeinsamen Zukunft zwischen Deutschen und Israelis zu arbeiten. Nicht genug Menschen vielleicht, und nicht intensiv genug.

Aber nun ist es auch für uns heute die zweitbeste Zeit! Und unsere Generation sollte sie nutzen, um unseren Beitrag an der Seite Israels zu leisten. Ganz konkret heißt das für uns bei Zedakah: die Öffnung unseres Hauses in Shavei Zion für Kranke (Arzpraxis), Kinder (Schulklassen und Freizeitaktivitäten), Senioren und alle, die einfach so mal vorbeikommen möchten. Und darüber hinaus die liebevolle Pflege der uns anbefohlenen Holocaust-Überlebenden im Pflegeheim in Maalot, die aktuell schon wieder seit fast 50 Tagen im Bunker stattfindet.
Vielen Dank für eure Unterstützung. Durch Gebete und Spenden habt ihr Teil an unserem gemeinsamen Auftrag an Gottes Volk. Bei jeder Gelegenheit weisen wir auf den großen Freundeskreis Zedakahs in Deutschland hin, ohne den diese Arbeit nicht möglich wäre.
Das bewegt die Menschen hier vor Ort sehr. Vielen Dank.
