Jedes Jahr am 27. Januar ist Holocaust-Gedenktag. Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit.
2026 laden wir Sie herzlich zu unserer Gedenkveranstaltung mit Zeitzeugenbericht eines Holocaust-Überlebenden ins iP-Zentrum in Maisenbach ein.

102-Jähriger kommt als Zeitzeuge nach Karlsruhe und in den Nordschwarzwald
Walter Bingham ist als Wolfgang Billig in Karlsruhe aufgewachsen und wurde mit dem »Kindertransport« vor den Nazis in Sicherheit gebracht. Am Holocaust-Gedenktag erzählt er seine Geschichte
Das Guiness Buch der Rekorde hat ihn als ältesten Journalisten und ältesten Radiomoderator ausgezeichnet, eine ganze Wand in seinem Büro hängt voller weiterer Urkunden. Als Fotomodell hat er – einst mit weißem Rauschebart – an vielen Kampagnen mitgewirkt, als Jude (!) den Weihnachtsmann gemimt und in zwei Harry-Potter-Filmen Statistenrollen als Zauberer besetzt.
Nun hat er in seiner Wohnung in Jerusalem Anfang Januar im Beisein von Prominenten wie dem US-Botschafter Mike Huckabee und vielen Freunden seinen 102. Geburtstag gefeiert. Fit und abenteuerlustig ist er immer noch: Er reist jetzt nach Deutschland, um in seiner alten Heimat als Zeitzeuge von der Judenverfolgung in Nazideutschland zu berichten.
Geboren wurde er am 5. Januar in Karlsruhe, damals hieß er Wolfgang Billig. Ein Foto zeigt ihn als Kind, auf der Rückseite steht: »Wolfgängle, 1 Jahr alt«. Das Bild ist mehr 100 Jahre alt.
Seine Kindheit verbrachte er in Karlsruhe. Als sich während der Herrschaft der Nationalsozialisten die Situation für Deutsche mit jüdischem Hintergrund rasant verschlimmerte, sah er die Karlsruher Synagoge in der »Reichspogromnacht« mit eigenen Augen brennen. In der Schule wurde er gejagt, geschlagen und beschimpft: »Dreckiger, stinkender Jude!«
Im Alter von 15 Jahren wurde er von seinen Eltern getrennt und mit dem sogenannten »Kindertransport« nach Großbritannien in Sicherheit gebracht, allein. Abfahrt in Karlsruhe war am 25. Juli 1939. »Ich kann meine Mutter noch jetzt sehen, wie sie auf dem Bahnsteig steht, während der Zug abfährt«, erzählte Bingham sehr viel später. Seinen Vater sah er nie wieder. Vor dessen Wohnhaus erinnert heute ein Stolperstein an ihn: »Hier lebte Sigmund Billig«.
Nach schwierigen Jahren in einem heruntergekommenen Schloss, das als Flüchtlingsunterkunft diente, trat er 1944 der britischen Armee bei und diente bei den Sanitätern in der Normandie. König Georg VI. verlieh im später die »Military Medal« für Tapferkeit im Feld.
Als deutscher Muttersprachler half er dann, den gefangenen Nazis ihre Verbrechen nachzuweisen. Auf wunderbare Weise fand er später seine Mutter wieder: Sie war nach der Deportation und verschiedenen Arbeitslagern in Schweden gelandet. Das freudige Wiedersehen war der »emotionalste Moment meines Lebens«. Nach sieben Jahren Trennung mussten sie sich aber neu kennenlernen. Er blieb in England, studierte und heiratete. Wolfgang Billig legte sich einen neuen Namen zu: Walter Bingham.
Nach seiner Karriere als Journalist, Schauspieler und Fotomodel wanderte Bingham im Alter von 80 Jahren mit seiner Tochter nach Israel aus, nachdem seine Frau gestorben war. Bis heute lebt er in Jerusalem.
Im Oktober besuchten ihn die Verantwortlichen des Zeitzeugen-Projekts »Papierblatt« aus dem Nordschwarzwald in seiner Wohnung in Jerusalem, Frank Clesle vom Hilfswerk Zedakah, der evangelischen Schuldekan Thorsten Trautwein und der Medienproduzent Timo Roller. Walter Bingham ließ er sich für zwei Gedenkveranstaltungen nach Deutschland einladen.
Am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, wird seit vielen Jahren an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Zuletzt hatten Zedakah und »Papierblatt« im Januar 2025 zu einer Veranstaltungsreihe mit dem Auschwitz-Überlebenden Arie Pinsker ins Neue Schloss nach Stuttgart eingeladen.
Dieses Jahr wird Walter Bingham als Zeitzeuge in der badischen Hauptstadt Karlsruhe sprechen, in der Stadt, in der er vor 102 Jahren geboren wurde. Gemeinsam mit den Papierblatt-Projektpartnern und dem Deutsch-israelischen Freundeskreis laden neben dem gastgebenden Landkreis Karlsruhe auch der Nachbarkreis Calw ein sowie die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe und die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden. Die Veranstaltung beginnt am Dienstag, 27. Januar um 19 Uhr im Landratsamt Karlsruhe, Kriegsstraße 100, die Veranstaltung ist bereits ausgebucht.
Bereits zwei Tage zuvor, am 25. Januar, wird Walter Bingham im »iP-Zentrum« in Maisenbach bei Bad Liebenzell sprechen, Gastgeber ist das Hilfswerk Zedakah, das sich seit über 60 Jahren für Holocaust-Überlebende in Israel einsetzt. Diese Veranstaltung wird auch im Livestream übertragen und ist so für eine breite Öffentlichkeit zugänglich – auch im Nachhinein.
Rückblick
2025 konnten wir 80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz eine große Veranstaltungsreihe im Neuen Schloss in Stuttgart mitgestalten. Hier geht es zum Rückblick. Es gibt auch eine Veranstaltungsseite des Papierblatt-Projekts.
2024 berichtete Avigdor Neumann per Online-Übertragung aus seinem Leben, ein Armee-Offizier gab Einblick in die Situation nach dem Hamas-Überfall im Oktober 2023. Dazu boten wir ein Tagesseminar für Lehrkräfte an. Hier finden Sie die Informationen darüber. Es gibt dazu auch eine Veranstaltungsseite des Papierblatt-Projekts.
2023 hatten wir im Landratsamt Calw eine Veranstaltung mit Ivan Lefkovits. Hier gibt es kurze Infos. Einen Rückblick finden Sie auf der Archivseite des Papierblatt-Projekts.
2022 war die Tochter von Ella Liebermann-Shiber, Ada Waits, per Livestream mit dabei und sprach über die ergreifenden Zeichnungen ihrer Mutter und deren Schicksal während und nach der Schoah. Hier finden Sie den Rückblick und auch den Hinweis auf das Buch »Erinnerungen aus dunkler Vergangenheit«.
