Von Judith Rentschler

Welcher Tag ist heute? Welcher Monat? Sind seit Beginn des aktuellen Krieges wirklich erst zwei Nächte vergangen?
Die nächtlichen Raketen- und Drohnenalarme, die die Nacht zum Tag machen, die Mittagspausen, die genutzt werden, um den Schlafmangel etwas zu mindern, die sich überschlagenden Ereignisse – alles ist auf den Kopf gestellt. Eigentlich passt das Purimfest mit den verkleideten Kindern gut dazu, allerdings ist niemandem nach ausgelassenem Feiern zumute.
Um den Kindern bei uns im Haus, die sich schon lange auf das Fest, die bunten Kostüme, die Süßigkeiten und Schulferien gefreut hatten, eine Freude zu machen, organisierten wir zum Frühstück mit Helium gefüllte Ballons, die wir im Speisesaal verteilten. Der Verkäufer fragte, ob wir Geburtstag feiern würden. Wir lachten beide, als ich ihn daran erinnerte, dass Purim ist!
Mit den Luftballons und Kostümen saßen wir schon kurz nach dem Frühstück zusammen im Schutzraum. Gott sei Dank blieb es dann ein paar Stunden ruhig, so dass die Kinder zusammen mit ihren Freunden aus dem Ort ausgelassen in unserem Garten spielen konnten. Die Eltern genossen den Austausch und die warme Frühlingssonne. Ein Junge untermalte das Ganze musikalisch mit seinem Saxophon (so waren auch die Kampfflugzeuge und Beobachtungsdrohnen nur schwach zu hören).
Wie kann man diese Gegensätze in Deutschland nachvollziehen? Wie kann man sie weitergeben? Kaum waren die meisten Familien wieder zuhause, ging’s zusammen mit unseren Gästen wieder in den Schutzraum. Gott hat die Lage im Griff!
Das merken wir nicht nur an solchem Timing, sondern auch daran, dass wieder mal die »richtigen« Mitarbeiter zur »richtigen« Zeit bei uns sind. Zwei junge Frauen, die spontan in den Semesterferien zum Aushelfen gekommen waren, ergänzen unser Team, so dass wir unseren Gästen Mahlzeiten anbieten und das Haus sauber halten können. Wir sind dankbar, dass sie und unsere jungen Volontäre, die aktuell den ersten Bunkeraufenthalt erleben, die Situation so gut mitmachen.
Dasselbe erleben wir auch in Maalot, im Pflegeheim Beth Elieser, wo die Arbeits- und Schlafbedingungen im Bunker noch herausfordernder sind.
Eine Volontärin erzählte: »Ich habe gerade meiner Mutter eine Sprachnachricht aufgenommen, als der Alarm kam. Meine Mutter würde mich am liebsten hier raus holen, aber mir geht es hier so gut. Ich möchte gar nicht weg. Alles, was ich neulich fürs Studium über das Judentum und den Holocaust gelernt habe, sehe ich jetzt als Vorbereitung für meinen Einsatz hier.«
Auch unsere Gäste geben uns immer wieder positive Rückmeldungen: »In dieser Situation ist dies der beste Platz, an dem wir sein können. Das ist das sicherste Haus in der ganzen Gegend.«
Ein Einwohner von Shavei Zion, dessen Kinder und Enkel bei uns sind, weil er keinen Schutzraum für sie hat, meinte: »Ich hätte nie gedacht, dass ich euch mal für meine Enkel brauchen würde. Vielen, vielen Dank.«
Ein Junge jubelte, als seine Mutter ihm sagte, dass sie »noch eine Nacht« hier bleiben würden.
Wir sind uns bewusst, dass wir den Frieden und die Sicherheit, die alle hier spüren, nicht machen können. Wir sind uns auch der Gefahr bewusst, in der wir stehen, aber wir sind dankbar, dass wir Teil des Planes Gottes in dieser Zeit sein dürfen. Vielleicht sind wir genau für diese Zeit an diesem Ort. Dies erinnert an den Bibeltext, der dem Purimfest zugrunde liegt: Damals, in Persien, forderte der Jude Mordechai seine Adoptivtochter Ester auf, am Königshof für das jüdische Volk einzutreten. Er sagte zu ihr: »Wer weiß, ob du nicht gerade um dieser Zeit willen zur königlichen Würde gekommen bist?« (siehe Ester 4,14)
Auch im Beth Elieser erlebten unsere Mitarbeiter und Heimbewohner einen – trotz der Umstände – fröhlichen Purimtag. Der schon traditionelle Kostümwettbewerb erfreute alle und stellte einmal mehr die Kreativität aller unter Beweis. Mitglieder der nahegelegenen Synagogengemeinde ließen es sich auch dieses Mal nicht nehmen, zum Lesen der Estherrolle in unseren Bunker zu kommen. Und die selbstgemachten Hamantaschen brachten die in diesen Tagen besonders nötige Extraportion Energie.
Während ich diese Zeilen schreibe, sitzen wir am Ende des Tages wieder im Schutzraum. Was die Nacht bringen wird? Wir sind in Gottes Hand. Vielen, vielen Dank für alle Gebetsunterstützung!
