Mein Jahr in Israel

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HS_850_Bericht
Wenn es im Leben glatt läuft, ist es gut, aber nicht abwechslungsreich und spannend.
So war auch meine Anreise! Spannend, abwechslungsreich und sehr lang (24 Stunden) … Durch das Schneechaos verpasste ich leider meinen Flug nach Israel. Beim zweiten Anlauf klappte es dann. Endlich, sehr müde und mitten in der Nacht, kam ich gegen 3 Uhr am 3. Februar 2015 gut an Ort und Stelle an.

An meinem ersten Tag in Shavei Zion hatte ich frei und durfte ausschlafen, Koffer auspacken, Zimmer einrichten und meine neuen Mitarbeiter kennenlernen. Nach dem Mittagessen bekam ich eine Führung durch Haus und Garten mit vielen Infos, die ich behalten und zum rechten Zeitpunkt richtig anwenden muss.

Langsam lernte ich, wie man koscher kochen, backen, Tisch decken und spülen muss. Viele Dinge sind anders als gewohnt und scheinen kompliziert, doch je öfter man damit zu tun hat, umso einfacher wird’s.

Zweimal im Jahr findet eine Bibelwoche für alle Mitarbeiter aus Shavei Zion und Maalot statt, durch die wir im Glauben gestärkt und ermutigt werden sollen. Thema meiner ersten Bibelwoche im Februar war der Römerbrief. Die Schlüsselverse aus Römer 1,16+17 sind mir sehr wichtig geworden, da steht:

„Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen; denn es wird darin geoffenbart die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: »Der Gerechte wird aus Glauben leben«.“

Nach Abschluss der Bibelwoche lernte ich unsere sogenannte Putzwoche kennen.
Abreise der Gäste – am selben Tag wird mit dem Wiederherrichten der 24 Gästezimmer begonnen: Müll entsorgen, Bettwäsche abziehen, Handtücher einsammeln, Wäsche in die Waschküche bringen, evtl. Fundsachen im Büro abgeben. Anschließend beginnt der Bäderputz. (Ein Bad wird in fünf Schritten sauber geputzt. Erstens mit heißem Wasser alle Fliesen abspülen, zweitens mit Antikalk und einem Scotch jede Fliese abreiben, drittens mit heißem Wasser Antikalk abspülen, viertens mit einem Mikrofasertuch die Fliesen trockenwischen und dann noch fünftens mit einem Lumpen die Fliesen ganz trocken abreiben. Oh, und nicht zu vergessen, der Duschvorhang wird gewaschen, der Spiegel und das Waschbecken werden ebenfalls geputzt. Die WCs werden von einem von uns extra geputzt. So, und dann den Boden wischen, und fertig ist das erste Bad. Nach 6-8 Bädern am Tag weiß man am Abend, dass man heute etwas geschafft hat. Die weiteren Aufgaben sind Balkone aufwaschen, Fenster putzen, Zimmer abstauben, fegen, Boden wischen, Teppiche saugen etc. Dann noch alle öffentlichen Räume wie Lobby, Aufenthaltsräume, Andachtsräume, Bunker, Schutzräume, Speisesaal gründlich reinigen. Und schon ist eine Woche um.

HS1_500 In meine erste Putzwoche fiel das Purimfest am 4.3.2015. Am Abend dieses Tages waren wir in die Synagoge eingeladen. Wir waren dort und erlebten einen unvergesslichen „Gottesdienst“ mit sehr spannenden Eindrücken. Ihr fragt euch vielleicht, welche Bedeutung das Purimfest hat. Also eine kurze Erklärung: Das jüdische Volk geht an diesem Tag in die Synagoge, um gemeinsam die Estherrolle zu lesen (das Buch Esther). Sie erinnern sich und freuen sich an diesem Tag gemeinsam, dass Gott sein Volk vor der Ausrottung gerettet hat. Während der Vorleser in der Synagoge laut vorliest, ist es relativ leise, doch sobald der Name Haman (er war derjenige, der die Ausrottung veranlasst hatte) ertönt, beginnen die Anwesenden, mit Rasseln, Tröten, Klopfen Lärm zu machen. Sie drücken so auch ihre Freude über ihren Sieg aus. Wichtig bei diesem Fest ist, dass man sich gegenseitig mit Süßigkeiten und Gebäck, z. B. Hamanohren, beschenkt.

Anfang April feierten wir mit einer messianischen Gemeinde Pessach in unseren Räumlichkeiten. Das Fest wird zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten (2. Mose 12,1-28) eine Woche lang gefeiert, und in dieser Zeit wird kein Sauerteig gegessen. Das jüdische Volk hält sich daran und auch die Gäste in diesem Land. Denn alle Lebensmittel, die Sauerteig enthalten oder etwas, das säuern kann, werden in jüdischen Geschäften nicht verkauft. Somit sind viele Bäckereien und Imbissbuden komplett geschlossen. In dieser Zeit werden Matzen gegessen, die ähnlich schmecken wie ungesalzenes, dünnes Knäckebrot. Ihr könnt euch wohl meine Freude vorstellen, als es nach einer Woche wieder normales Brot zu essen gab.
Die erste Gästegruppe Holocaustüberlebender reiste an. Gleichzeitig mit der Gästegruppe war auch ein älterer Pastor aus Russland bei uns zum Erholungsurlaub. Da viele der Gäste Russisch besser beherrschten als Hebräisch oder Deutsch, half der Pastor bei der Übersetzung. Bei den Mahlzeiten wurde den Gästen immer ein Abschnitt aus dem Alten Testament vorgelesen.

Und nun nur kurz ein Erlebnis, was mich sehr bewegt hat. Nach einer Mahlzeit habe ich mitbekommen, wie einige Gäste mit dem Pastor ins Gespräch kamen. Sie wollten gerne wissen, wo er die Bibel her hat. Man merkte, dass sie suchend waren und mehr über den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs erfahren wollten. Eine Frau hatte ihn schon vorher angesprochen und bekam an diesem Abend seine Bibel in russischer Sprache geschenkt. Ihr hättet sie sehen müssen. Sie drückte die Bibel an ihr Herz und kam freudestrahlend zu mir. „Weißt du“, sagte sie zu mir, „das ist ein goldener Schatz, den ich heute bekommen habe. Jetzt kann ich es lesen, ich will wissen, was darinsteht. Auch das über Jesus, den Messias. Ich fange gleich an zu lesen.“ Am nächsten Morgen nach dem Frühstück berichtete sie mir, dass sie angefangen hatte, über Kain und Abel zu lesen und ganz gespannt war, was weiter kommen würde.

Jetzt, bei der vierten Gästegruppe, ist mir durch unterschiedliche Aussagen der Gäste wieder so richtig bewusst worden, wie wichtig die Gebete unserer Glaubensgeschwister für uns und das Werk sind. Z .B. sagte ein Gast: „Ich habe lange Zeit mit alten und hilfsbedürftigen Menschen gearbeitet und weiß, wie anstrengend und kräftezehrend eure Aufgaben sind. Doch habe ich noch nie Menschen getroffen, die so geduldig und freundlich mit alten Menschen umgehen wie ihr. Das kann nicht von euch kommen, das kommt von Gott.“ Und das stimmt! Wir sind oft müde oder es gibt Schwierigkeiten zwischen den Mitarbeitern und wir wissen mitunter nicht, wo uns der Kopf steht. Doch Gott wirkt und hilft uns immer wieder auf und schenkt uns Kraft und Freude für den nächsten Schritt.
In der Oktober-Putzwoche fuhren wir – ein paar Mitarbeiter – übers Wochenende nach Jerusalem. Es war gerade in der Zeit, als so viele Anschläge in Jerusalem waren. Die angespannte Situation war überall zu spüren. Doch es war schön zu sehen, wie jüdische Kinder mit kleinen Gesten, z. B. mit Kuchen, Süßigkeiten und selbstgebastelten Karten, die sie den Soldaten und Polizisten bringen, ihren Dank dafür zeigen, dass diese sich für ihre Sicherheit einsetzen. Mich erstaunt und freut es immer wieder zu sehen, wie sehr das Volk Israel gerade in schweren Zeiten zusammenhält und füreinander einsteht.

Ich hoffe, du kannst dir durch diese Einblick in mein Jahr in Israel ein wenig vorstellen, was ich erleben durfte.
Mein Fazit ist: Ich kann es jedem empfehlen, so ein Jahr zu erleben.
Die Voraussetzung: Man ist bereit, alle Arbeit gern und von ganzem Herzen für den Herrn zu tun.
In diesem Sinne ein herzliches Schalom,

Helene Schellenberg
Shavei Zion, 3. März 2016