Waffenruhe, Kulturschock und Reiseerfahrungen

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Von Judith Rentschler

Am 8. April 2026, dem letzten Pessachfeiertag, werde ich um 2:54 Uhr durch einen Voralarm geweckt. Jetzt knallt’s also richtig, war mein Gedanke. Präsident Trump hatte nämlich wenige Stunden zuvor »den Tod einer Zivilisation (im Iran)« angekündigt und die Deadline auf 3:00 Uhr israelischer Zeit festgesetzt. Der Iran hatte daraufhin alle Gespräche mit den USA abgebrochen.

An Schlaf ist nicht zu denken. Was wohl in den Nachrichten kommt? Erstaunt lese ich: »Der Iran und die USA haben sich auf eine zweiwöchige Feuerpause geeinigt.«

Und Israel? Und der Libanon? Die Alarm-App zeigt Raketenbeschuss bis Akko. Fast das ganze Land musste heute Nacht mal wieder Schutz suchen. Bei uns war es ruhig geblieben. Die Fragen bleiben. Aber vielleicht haben wir heute mal einen ruhigen Tag zum Durchatmen. Das würde uns schon sehr viel bedeuten. Wie gut, dass der Herr der Heerscharen alles in seiner Hand hat und sich auch die Mächtigen dieser Welt vor IHM beugen und verantworten müssen.

Inzwischen sind 24 Stunden vergangen und so plötzlich, wie der Krieg begonnen hat, so schnell fährt nach der Waffenruhe landesweit der Normalzustand wieder hoch – zumindest zwischen Haifa und Elat. Dort sind alle Einschränkungen aufgehoben, Schulen, Kindergärten, Strände und Flughafen sind wieder aktiviert.

Da der Libanon nicht Teil des Waffenstillstandsabkommens ist, haben sich die Bestimmungen des Zivilschutzes für uns im Norden noch nicht verändert – bislang ist es aber auch hier sehr ruhig (abgesehen von einzelnem Beschuss auf Grenzortschaften).

Mit dem gestrigen Feiertag ging auch das Pessachfest zuende. Spontan beschloss unsere »Kriegsfamilie« im Beth El, für uns zu grillen und für diesen Abend traditionelle Teigwaren herzustellen – viel Fleisch, viel Mehl, viel Öl. Fast fühlte es sich an wie eine Abschiedsparty. Doch noch ist es das nicht …

Vermutlich werden wir noch eine ganze Weile im Ausnahmezustand zwischen Krieg und Frieden ausharren müssen. Es ist die Rede davon, dass Schulklassen ab nächster Woche in unseren Schutzräumen unterrichtet werden sollen.

Trotzdem sind wir dankbar für die Ruhe und bisher erlebte Bewahrung. Allein die Zahl der Alarme seit Kriegsbeginn vor 40 Tagen lässt uns Gottes schützende Hand über uns ahnen. Hier zum Vergleich: Shavei Zion: 55, Maalot: 78 – die Nachbarstädte Akko: 91, Naharija: 124.

Gottes gute Hand über ihren Kurzeinsätzen bei Zedakah haben auch zwei junge Frauen erlebt, die hier von ihren Erlebnissen berichten:

Leonie Penner über ihren außergewöhnlich Kurzzeiteinsatz:

Ich bin Studentin, habe Semesterferien und möchte meine Zeit für Gott nutzen und das Land Israel kennenlernen. Für die nächsten drei Wochen plane ich einen Einsatz bei Zedakah. Zwei Tage vor Kriegsbeginn reise ich voller Vorfreude in Shavei Zion an. Ich bin zum ersten Mal im Land und weiß deshalb nicht, was mich erwartet.

Zu meinen alltäglichen Aufgaben gehört ab jetzt das Arbeiten in einer koscheren Küche. Auch wenn vieles für mich neu ist, wird mir alles geduldig erklärt. Mit der Zeit bin ich immer besser eingearbeitet und die Arbeit macht mir Spaß.

Doch am zweiten Tag kommt alles anders als erwartet. Anstatt neben der Arbeit im Gästehaus das Land und die Umgebung zu entdecken, bricht der Irankrieg aus. Mein erster freier Tag beginnt mit Alarm und ich muss das erste Mal in meinem Leben einen Schutzraum aufsuchen, um mich in Sicherheit zu bringen.

Ab jetzt muss ich mich an den Alarm gewöhnen, weil es zum normalen Alltag dazugehört. Immer wieder gibt es beim Spülen oder beim Putzen Unterbrechungen und wir lassen alles stehen und liegen, um in den Schutzraum zu laufen. Es wird für mich normal, aus dem Schlaf gerissen zu werden und bei jedem kleinen Geräusch aufzuschrecken. Weil wir auf jeder Etage Schutzräume haben, die innerhalb von 30 Sekunden erreichbar sind, dürfen wir weiterhin in unseren Betten schlafen. Trotzdem merke ich, wie oberflächlich der Schlaf ist und wie sensibel ich für jedes Geräusch geworden bin, das sich wie Alarm oder ein Raketeneinschlag anhört. Wenn wir nachts einen Voralarm bekommen, wissen wir nicht, ob wir weiterschlafen können oder gleich schnell den Schutzraum aufsuchen müssen. Dadurch spüre ich auch nachts eine unterbewusste Anspannung.

Doch anstatt Angst wegen des Krieges zu haben, kann ich echt ruhig sein und habe Frieden über die Situation, was so unnatürlich und menschlich gesehen unlogisch scheint. Ich kann ruhig sein, weil ich weiß, dass Gott mich genau zu dieser Zeit hier gebrauchen möchte. Gottes Timing ist einfach perfekt, sodass ich gerade jetzt, wo das Haus mit vielen Gästen aus dem Ort gefüllt ist, hier helfen kann. Ich bin so dankbar, dass ich den Menschen inmitten von Krieg und Unruhe Liebe weitergeben kann.

Und noch etwas darf ich lernen und immer wieder darüber staunen. So viele Menschen beten für mich. Für Zedakah. Für Israel. Ich bin in dieser Situation auf keinen Fall allein. Mir werden Verse zugeschickt und Ermutigungen mit mir geteilt. Verse wie Psalm 27,3 sprechen auf einmal ganz anders in die Situation und bekommen eine neue Bedeutung für mich: »Siehe, wenn ein Heer sich gegen mich lagert, so fürchtet sich mein Herz dennoch nicht; wenn sich Krieg gegen mich erhebt, so bin ich auch dabei getrost.«

Manche Tage sind etwas ruhiger und ich kann die Sonne genießen. So vergesse ich schon fast, dass Krieg ist und dass sich zuhause viele Sorgen machen. Aber hier nimmt alles seinen gewohnten Lauf. Die Menschen sind an diesen Zustand der Alarmbereitschaft gewöhnt. Kinder spielen draußen und im nächsten Moment rennen sie in den Schutzraum. Das ist ihr normales Leben. Es erinnert mich immer wieder daran, wie umkämpft Gottes Volk ist.

Dann wird nacheinander zweimal mein Rückflug storniert, sodass mein Vertrauen zu Gott auf die Probe gestellt wird. Plötzlich ist alles ungewiss und ich bin so machtlos. Es gibt keine Möglichkeit mehr, in den nächsten Tagen oder Wochen zurückzufliegen. Wir überlegen und planen viel, wägen die Vor- und Nachteile ab und entscheiden uns schließlich, zu viert über Ägypten auszureisen.

Auf dieser langen Reise durch das ganze Land bis nach Elat, dann über Ägypten nach Istanbul und schlussendlich Deutschland, erleben wir so oft Gottes Bewahrung. Während der Busfahrt nach Elat gibt es im Land mehrere Alarme, die uns aber nicht treffen, weil wir gerade das jeweilige Gebiet verlassen haben.
Immer wieder staune ich darüber, wie gut Gott ist. Es ist so ein Geschenk, dass wir im Krieg noch so ein normales Leben führen konnten und dass ich meinen Einsatz trotz Krieg so genießen konnte. Ich bin dankbar für die vielen neuen Erfahrungen und Einblicke und die Möglichkeit, unter Gottes Volk gewesen zu sein.

Miriam Wiener über die etwas ungewöhnliche Reise von Israel nach Deutschland:

Es ist jetzt schon fast zwei Wochen her, dass ich mit Leonie und zwei weiteren Mädels gemeinsam nach Deutschland zurückgereist bin. Am 23. März fuhren wir in aller Frühe mit dem Bus von Haifa bis nach Elat, wo wir uns für die Nacht ein Hotel gebucht hatten. Es blieb also genug Zeit, um zum Roten Meer zu laufen und den wunderschönen Blick auf die jordanischen Berge zu genießen. Während man bei Sonnenschein die touristisch ausgelegte Strandpromenade entlangspazierte und später dann in einem Restaurant saß, hatte man das Gefühl von Urlaub mit nur einem Unterschied: Es war beinahe menschenleer und somit angenehm ruhig.

Am nächsten Morgen mussten Leonie und ich unbedingt noch einmal mit Badesachen an den Strand zurückkehren, bevor wir dann um 11 Uhr vor dem Gebäude von »Abraham Tours« standen. Ein Kleinbus brachte uns und zwei weitere Frauen an die ägyptische Grenze. Dann hieß es, unzählige Male den Pass vorlegen, bis man schließlich auf ägyptischer Seite seine 60$ zahlen konnte. Am Anfang las man noch, dass 20$ und 5$ Service verlangt würden. Gegen Ende tauchte dann ein großes Schild auf, dass 60$ forderte. Man konnte klar erkennen, dass die Zahlen nachjustiert worden waren.

Auch direkt nach dem Grenzübergang merkte man, wie jeder versucht, aus der aktuellen Situation einen Profit rauszuschlagen. Uns wurden SIM-Karten und Taxifahrten angeboten. Schließlich kam der uns versprochene Fahrer von »Abraham Tours«, der uns zum Flughafen von Sharm El Sheikh brachte. Eigentlich hätte man gut auf der Fahrt schlafen können, doch der Blick auf das strahlendblaue Rote Meer und die Berge der Sinaihalbinsel hielt meine Augen bis zum Schluss offen.

Am Flughafen hatten wir ca. 10 Stunden zu überbrücken, bis unser Flieger um 2:15 Uhr Richtung Istanbul startete. Die Zeit zog sich wie Kaugummi, aber als Leonie und ich anfingen, uns gegenseitig Bibelverse abzufragen und Lieder zu singen, fühlte man sich gleich besser.

In Istanbul trennten sich dann unsere Wege und für mich ging es nach Frankfurt.

Manche haben mich in meiner Zeit in Israel – in Maalot – gefragt, ob ich einen kleinen Kulturschock vom Land bekommen habe, was ich nicht sagen würde. Hingegen war für mich der eine Tag in Ägypten ein viel größerer »Kulturschock« als die knappen drei Monate in Israel.

Was bei uns als Anstand und selbstverständliche Freiheit gilt, kann man dort nicht erwarten. Neben Korruption und unanständigem Verhalten war es für mich besonders schockierend zu sehen, wie eine jüdisch-orthodoxe Familie am Beten gehindert wurde. Zwei Männer stellten sich mit ihren Gebetbüchern zur Wand hin, da kam ein Beamter und sagte ohne jegliche Erklärungen ununterbrochen »No«, packte den einen am Arm und zerrte ihn von der Wand weg. Ein zweiter Beamter kam mit einschüchterndem Blick hinzu. Schließlich saß der eine Mann auf der Bank und betete für sich mit verschränkten Armen und geneigtem Kopf weiter.

Es ärgert einen, solche Ungerechtigkeit mitanzusehen, aber zugleich muss man feststellen, wie hilflos man doch ist.

Auch das, was ich in der kurzen Zeit über die zwei weiteren Mitreisenden erfahren habe, hat mich sehr bewegt. Unterwegs auf der Fahrt durch Ägypten unterhielten sich die beiden kurz und sagten u. a., dass sie versuchen, das Hebräischreden zu vermeiden.

Eine der beiden Frauen erzählte in unserer Wartezeit, dass sie in Russland aufgewachsen sei und später in Vietnam gelebt habe. Doch dort habe sie sich nie wirklich heimisch gefühlt und ist dann nach Israel eingewandert. Jetzt fliegt sie erstmal nach Russland zu ihrer Familie.

Sie und ihr Freund wissen nicht, wie es in Zukunft für sie weitergehen wird. Sie überlegen, aus Israel auszuwandern. Falls sie einmal Kinder haben sollten, möchten sie ihnen ein besseres Leben bieten als einer von Alarmen und Ausnahmesituationen geprägten Kindheit. Als ich darauf fragte, in welches Land sie denn gerne gehen würden, hatte sie keine Antwort. Es scheint keinen guten Platz für Juden zu geben und mit Schrecken nimmt man die Parallele zur Geschichte wahr.

Wie gut ist es da zu wissen, dass Gott seinen Verheißungen treu ist. Er hat sich bereits als treu erweisen und wird es auch in Zukunft bleiben!