Stell dir vor …

eingetragen in: Israel, Meldungen, Mitarbeiterberichte

Für alle, die versuchen, sich unsere aktuelle Situation vorzustellen – hier sind einige Perspektiven der Menschen, die zur Zeit bei uns im Beth El in Shavei Zion sind: Mitarbeiter, Nachbarn, Gäste …

Stell dir vor:

Du bist eine Studentin aus Deutschland, die spontan beschließt, in den Semesterferien nach Israel zu reisen, um dort die Arbeit des Gästehauses von Zedakah zu unterstützen. Du warst noch nie in Israel. Am Tag nach deiner Ankunft beginnt der Irankrieg. Statt Israel kennenzulernen, erfährst du, was Krieg bedeutet und dass das Alarmsignal nicht eine missglückte Übung in deinem Heimatdorf in Deutschland ist, sondern dich nachts aus dem Bett wirft und dein Leben retten kann. Aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzung werden nacheinander zwei deiner Rückflüge storniert. Schließlich machst du dich zum Semesterbeginn zusammen mit anderen Deutschen auf den Weg über Eilat nach Ägypten, um von dort zurück nach Hause zu fliegen.

Du bist alleinerziehende Mutter eines dreijährigen Jungen. Nach schlechten Erfahrungen in deiner eigenen Kindheit möchtest du diesem Kind ein unbeschwertes Leben ermöglichen. Bewusst hattest du dich gegen eine Kita und für die Erziehung deines Kindes entschieden. Im September meldetest du dein Kind im Kindergarten an. Parallel studierst du im Fernunterricht. Jetzt stehen wichtige Prüfungen an. Der Kindergarten findet aufgrund des Krieges nicht statt. Freundinnen unterstützen dich bei der Betreuung deines Kindes. Nachts läufst du mit dem schlafenden Kind auf dem Arm in den Schutzraum und hoffst, dass es trotz Alarm durchschläft und seine Erkältung auskurieren kann.

Du hast mit deinen Kindern (1 und 3 Jahre alt) die Nächte der letzten drei Wochen im öffentlichen Bunker verbracht. Dieser soll jetzt ein sicherer Indoorspielplatz für Kleinkinder werden und du bekommst ein Zimmer im Beth El zugewiesen. Du wägst ab: etwas Privatsphäre und ein richtiges Bett im Doppelzimmer oder auf Nummer Sicher gleich im Schutzraum schlafen? – Dort schlafen aber schon zwei Partien. Du bleibst im Zimmer und rennst schon zu Beginn der 2. Nacht mit je einem Kind unterm Arm in den Schutzraum. Die Einjährige hatte schon zwei Stunden geschlafen – sie ist jetzt fit und strahlt im Halbdunkel alle an, die nach und nach im Schutzraum erscheinen: Schlafanzugparty! Dein Mann? Ist seelisch herausgefordert. Möchte die eigenen vier Wände nicht verlassen.

Du bist Oma von elf Enkeln. Deine Familie wohnt im Zentrum des Landes und kann dich nicht aufnehmen. Du lebst getrennt von deinem Mann, weil du mit der Verschlechterung seines körperlichen Zustandes nicht umgehen kannst. Seine Pflegerin wartet die Zeit des Raketenalarms im Treppenhaus ab, er bleibt im Bett.

Deine Eltern wohnen hier im Ort. Du lebst mit deiner Familie im Zentrum des Landes. Deine Eltern unterstützen dich mit den Kindern (4 und 6 Jahre alt), wenn dein Mann im Reservedienst ist und du im Homeoffice arbeiten solltest. Im Schutzraum deiner Eltern habt ihr aber nicht alle Platz. So feiern deine Kinder kriegsbedingt dort Purim, wo du als Kindergartenkind während des Golfkriegs mit Gasmakse unter dem Arm dasselbe Fest feiertest: im Speisesaal des Beth El. Wo werden es deine Enkel feiern? Du denkst nicht darüber nach. Ihr hattet einen Umzug geplant. In einer Pause vom Reservedienst fährt dein Mann mit deiner Mutter dort hin und erledigt das Nötigste – immer wieder unterbrochen durch Raketenalarm. Du hörst, wie deine Tochter Fremde fragt: »Vermisst du auch meinen Papa?« – Dein Sohn ist zwei Wochen vor Beginn der Corona-Pandemie geboren. Sein Leben besteht aus Ausnahme- und Notsituationen. Wann könnt ihr wieder zurück? In ein Zuhause, das ihr euch nach dem Umzug erst wieder aufbauen müsst.

Du hast den Großteil deines bisherigen Lebens in New York verbracht. Zusammen mit deiner Frau bist du vor wenigen Jahren nach Israel eingewandert. Ihr wolltet, dass eure Tochter frei als Jüdin aufwachsen kann – in der Idylle eines kleinen Dorfes. Nach wie vor seid ihr beruflich oft in den USA. Auch jetzt ist deine Frau wieder dort. Du bist verantwortlich für eure 12jährige Tochter. Ob deine Frau planmäßig zurückkommt? Die Nachrichten berichten von weiteren Flugstornierungen.

Deine Ehe war den Herausforderungen der letzten Jahre nicht gewachsen – du lebst getrennt von deinem Mann, der Scheidungsprozess läuft. Vieles ist noch ungeklärt. Um das Gefühlschaos zu kontrollieren, brauchen deine Jungs (5 und 8 Jahre) einen sicheren Rahmen. Die eigenen vier Wände vermitteln Geborgenheit, schützen aber nicht vor iranischen Raketen und libanesischen Drohnen. Nachts trägst du den Kleinen in den Schutzraum, den Älteren schiebst du im Halbschlaf vor dir her.

Du bist ein Rentner aus Deutschland. Lange hast du für die Reise gespart und die Wanderung durch Israel vorbereitet. Starkregen und andauernder Raketenbeschuss machen den Abschluss der Tour unmöglich – der Weg verläuft parallel zur Nordgrenze …

Du lebst mit deiner Frau und drei Kindern zwischen 5 und 9 in Shavei Zion. Dein Haus hat keinen Schutzraum. Nach Kriegsbeginn am 7.10.2023 wart ihr im ganzen Land unterwegs, bei Verwandten und Freunden – Alltag war nicht möglich. Und genau das ist es, was deine Söhne in besonderem Maß brauchen. Während des Irankriegs 2025 habt ihr 12 Tage im Beth El geschlafen. Das 3er-Zimmer habt ihr auch jetzt wieder bezogen. Die Kinder schlafen von Anfang an im Schutzraum. Aus wirtschaftlichen Gründen genehmigte der Zivilschutz die Öffnung des Arbeitsmarktes schon nach den ersten Kriegstagen. Früh morgens machst du dich auf den Weg zur Arbeit. Kommst zum Abendessen wieder zurück. Und immer die Frage, ob dich der Alarm unterwegs auf der Schnellstraße trifft. Deine Frau ist herausgefordert mit den besonderen Bedürfnissen der Kinder, Zoom-Unterricht und der eigenen Anspannung in dieser Ausnahmesituation. Der Jüngste kann mittlerweile täglich 2 Stunden in den Kindergarten. Dort haben sie jetzt einen Schutzraum, wo sich 15 Kinder zeitgleich aufhalten können (der Kindergarten, der ein halbes Jahr bei uns den Speisesaal bevölkert hatte). Auf dem Weg zur Arbeit hältst du beim Supermarkt, um einzukaufen, was die Kinder besonders mögen, oder zuhause, um Wäsche zu waschen. Vor vier Tagen ging die Waschmaschine kaputt …

Du bist völlig ausgelaugt. Brauchst viel Schlaf. Dein Husten lässt dich nicht zur Ruhe kommen. Irgendwann traust du dich trotz drohenden Raketenalarms zum Arzt: Lungenentzündung. Dein Mann versteht nicht, warum du die Nähe zum Schutzraum brauchst. Ihm reiche doch auch das Treppenhaus … Das allein ist es nicht. Du möchtest doch auch jemanden zum Reden.

Du bist mit deinem 13jährigen Enkel im Doppelzimmer. Nach dem 7.10.2023 wurdest du evakuiert und lebst seither bei deiner Tochter und deinem Schwiegersohn. Dein Haus wurde zwischenzeitlich renoviert, aber du möchtest nicht mehr zurück. Du bleibst bei deinem Enkel, aber man sieht deine Sorgen: um die Tochter, die täglich zur Arbeit fahren muss; die anderen Enkel, die bei den anderen Großeltern Zuflucht gefunden haben – die Oma ist im Rollstuhl und schafft es nicht immer rechtzeitig in den Schutzraum.

Stell dir vor: Du mit deinem ganz normalen Alltag befindest dich in einer Situation, die jederzeit plötzlich und unerwartet lebensbedrohlich für dich und deine Familie werden kann und du weißt nicht, ob diese Situation noch Tage, Wochen, oder sogar Monate dauern wird. Du bist dankbar dafür, dass du die Möglichkeit hast, dich zu schützen, froh, dass du nicht alleine bist.

ABER, du bist auch nie alleine. Es wird eng im Doppelzimmer. Eng im Schutzraum. Dir bisher unbekannte Menschen sehen dich verschlafen im Schlafanzug. Familienleben, Erziehung, Ess- und Lebensgewohnheiten werden im Gemeinschaftsrahmen sichtbar und nicht immer toleriert. Schlafmangel, Angespanntheit und Ungewissheit, parallel zu den zunehmend schlechter werdenden Nachrichten fordern heraus. Du bist schnell gereizt und ungeduldig. Gerade sind deine Kinder eingeschlafen, da ertönt ein Alarm und die anderen Hausbewohner kommen in den Schutzraum gestürmt. Gerade hast du im Garten kurz die Augen zu gemacht, da beginnt das Kinderturnen. Gerade die Zimmertür zu, da beginnt im Nachbarzimmer eine Auseinandersetzung …

Noch viel mehr könnte hier berichtet werden: vom Bekannten, der seine Krebstherapie unterbrechen muss, weil wichtige Medikamente nicht ins Land kommen; von Nachbarn, deren Freunde ihr Haus durch den Einschlag eines Raketenfragments verloren haben und jetzt dringend einen Platz suchen für ihre schwerst-mehrfach behinderte Tochter, die mit im Haus wohnte …

Wir sind von Herzen dankbar für die Bewahrung, die wir täglich erleben. Für jeden Alarm, der uns nicht erreicht. Für die vielen unbeschwerten Momente mit unseren Gästen, das Kinderlachen, die Bälle und Kinderfahrzeuge, die auf dem ganzen Gelände verteilt sind und »Leben in die Bude« bringen. Für die Gemeinschaft in der Küche, im Speisesaal, im Schutzraum. Für das Vertrauen, das uns die Menschen in unserem Ort entgegenbringen (»Bei euch ist es einfach am sichersten!«).

Wir bitten aber auch um Gebetsunterstützung:

  • für konkrete Bewahrung – gerade im Kriegsgeschehen, aber auch wenn die Kinder in einem unbeobachteten Moment beschließen, auf dem Treppengeländer zu rutschen
  • für ein weites Herz, Liebe und Geduld – gerade dann, wenn es mal wieder anders läuft
  • für Zeugniskraft – gerade auch in dieser Zeit, in der jeder an seine Grenzen kommt
  • für ein gelingendes Miteinander – gerade im Zusammenleben der unterschiedlichsten Menschen