Schutzräume – Zuflucht oder Zumutung?

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Von Dorothea Bayer

Mit Kriegsbeginn bekam ich die Grippe. Es kam mir überhaupt nicht der Gedanke, unter diesem Beschuss zum Arzt zu fahren. Mit täglichem Inhalieren und noch vorhandenen passenden Medikamenten war ich nach zwei Wochen fast wieder gesund. Fast – weil ein Ohr einfach nicht in Ordnung kam.

Also habe ich in der vierten Kriegswoche doch einen Arzt aufgesucht, da wir mittlerweile verstanden, dass dies nicht nur ein 12-Tage-Krieg ist wie im Juni 2025. Kann mein HNO-Arzt in Naharija überhaupt Patienten empfangen? Hat er einen Schutzraum, der innerhalb von 15 Sekunden zu erreichen ist?

Die Antwort würde ich automatisch erhalten, wenn ich um einen Termin bitte. Würden sie mir grundsätzlich absagen oder einen Termin geben? Ich bekam den Termin.

Als ich mich auf den Weg machen wollte, musste ich mir überlegen, ob mein Rock genügend Beinfreiheit lässt, damit ich im Falle eines Alarms während der Fahrt über die Leitplanke steigen kann. Da es in der Nacht geregnet hatte, war der Boden nass. Ich hatte die Idee, noch eine Iso-Matte mitzunehmen, damit ich nicht im Dreck liegen müsste. Doch die Zeit war zu knapp, um diese noch zu organisieren – und ich fuhr los.

Die Alarm-App ließ ich geöffnet, um Alarme um mich herum zu sehen, falls Drohnen fliegen. Das Fenster öffnete ich einen Schlitz, um Sirenen zu hören, um im Falle eines Falles die maximale Warnzeit ausnutzen zu können. Ich betete um eine alarmfreie Fahrt und auch um einen Parkplatz möglichst nahe an der Arztpraxis.

Beide Gebete wurden erhört und ich dankte Gott. Der Arzt war bereits dabei, ein Rezept auszustellen, da ging die Warn-App an und von draußen ertönte die Sirene. Nun fragte ich – doch etwas verwirrt: »Iran oder Libanon?« – »Libanon. Schnell, lauf der Sekretärin hinterher.« – Außer mir war noch eine weitere Patientin in der Praxis. So liefen wir aus der Praxis hinaus, um das Haus herum und runter in den Bunker, der ständig offen und beleuchtet ist.

Unten angekommen konnten wir die Einschläge sehr deutlich hören. Ich schaute mich um: Aha, so sieht also ein privater Mehrfamilienbunker aus. Steinfußboden, weiß gestrichene Bunkerwände, Notwassertank, eine Schubkarre, sechs Sitzgelegenheiten, zwei Matratzen – und ein unerträglicher Gestank nach Klärgrube.

Nur eine Bewohnerin war mit uns im Bunker, eine weitere machte Halt auf dem letzten Treppenabsatz vor dem Bunker. Sonst kam niemand von den Hausbewohnern. Die Bewohnerin erklärte uns, dass dieser unerträgliche Gestank seit einer Woche hier ist und man sich nicht wirklich im Bunker aufhalten kann. Keine der Wohnungen habe einen Schutzraum, es gibt nur diesen zentralen Bunker.

Schlafen mit diesem Geruch ist absolut nicht möglich. Die Stadtverwaltung kommt jedoch nicht zum Reparieren oder Verändern, was dringend nötig wäre.

Ich fragte, ob bereits Entwarnung sei. Die Antwort lautete: »Hier gibt es keinen WLAN-Empfang, dazu muss man etwas die Treppen hoch. Deswegen wartet man zehn Minuten, wenn es sich um eine Rakete aus dem Libanon handelt, und macht danach wieder normal weiter.«

Somit saß ich kurze Zeit später wieder dem Arzt gegenüber, bedankte mich und stieg ins Auto ein. Ich musste nun noch bei der Apotheke vorbeifahren. Wieder das Gebet, dass mich kein Alarm auf der Straße trifft und ich auf Anhieb einen Parkplatz finde. Und auch dieses Mal erhörte Gott beides. Es verlief alles glatt und ich kam bewahrt nach Hause.

Wie dankbar bin ich für unsere Schutzmöglichkeiten in Shavei Zion im Beth El geworden! Ein Luxus im Vergleich zu dem Bunker in Naharija – und da gibt es noch viele, deren Zustand noch weit schlechter ist.

Abends sprechen wir noch mit der Mutter eines Kleinkindes und eines Kindergartenkinds, die bei uns schlafen. Ihr zugeteilter Bunker im Ort ist vergleichbar mit dem, den ich in Naharija aufsuchen musste. Außerdem betonte sie noch die unerträgliche Akustik wegen der kahlen Betonwänden und dem Boden. Ein normales Gespräch mit dem Sohn sei bereits ein sehr lautes Geräusch, erst recht wenn der Kleine weine.

So freue ich mich, dass wir solchen Familien ein »Zuhause« bieten können: ein Zimmer mit etwas Privatsphäre, Dusche und Toilette; einen Schutzraum mit WLAN-Empfang, wohnlicher Einrichtung, schallschluckender Decke, Matratzen und allem was nötig ist.