Von Jakob Huth, Volontär in Shavei Zion
Freitag, den 27.2.2026: Zu fünft brechen wir zu unserer dreitägigen Wanderung von Maalot zum Kinneret auf. Die Tage davor war ich bereits mit zwei anderen Jungs von Timna nach Eilat gewandert und dort hatten wir noch einen Tag am Strand verbracht.
Jetzt geht es direkt zur nächsten Tour los. Es ist eine schöne Wanderung, mit Felsen, die mich ans Zittauer Gebirge erinnern, durch Pekiin, viel durch Wald und zwischendurch Wiese hin zum Wanderweg »Shvil Israel«. Dort liegt direkt unser Nachtlager nahe der Meron Field School, auf dem wir bleiben. Der Abend ist etwas rau, zweimal fängt es an zu regnen, einmal davon mit Hagel. Weil es kalt werden soll, machen wir mit gesammelter Pappe und nassem Holz Feuer, an dem wir unter anderem für alle von uns Wärmflaschen befüllen. Zusammen mit den heißen Steinen von der Feuerstelle liegen wir schließlich gut gewärmt in den Schlafsäcken.
In dieser wirklich besonderen Szenerie fällt schließlich die Aussage: »Wenn jetzt der Iran angreift, steckt wirklich alles in diesem Abend.«

Samstag, den 28.2.2026 (Shabbat): Wir wachen auf. Über Nacht ist es sehr kalt geworden, wahrscheinlich sogar frostig. Wir essen Porridge zum Frühstück, danach waschen wir ab und machen uns langsam startklar.
Plötzlich heult eine Sirene los. Ich sehe mich hastig um, weil ich keine Ahnung habe, was das für ein Alarm ist und wir uns in der Nullzone zum Libanon befinden. Währenddessen beginnen zwei von uns entspannt, ihre Rucksäcke zu packen, auch die Camper neben uns bringen sich nicht in Schutz. Das verwirrt mich. Die Sirene verstummt.
»This is the Israel experience!«, ruft uns der Camper neben uns grinsend zu. Dann klärt sich die Situation langsam auf: Der Alarm war erstmal nur ein Voralarm, da in den nächsten Stunden mit Angriffen aus dem Iran zu rechnen ist. Direkt ihre Rucksäcke gepackt haben die beiden, weil sie vermutlich via Push-Nachricht wussten, was der Alarm bedeutet und dass unsere Tour damit gelaufen ist.
»Gelaufen« – haha. Wir beten noch kurz, dann telefonieren wir mit unseren verantwortlichen Mitarbeitern. Danach machen wir uns auf die Suche nach einem Bunker, bis wir abgeholt werden. Zuerst bei der Field School, aber die ist zu. Daneben ist irgendeine Anlage der IDF. Wir kommen mit einem Soldaten ins Gespräch, der uns nicht auf die Anlage lassen darf und uns stattdessen empfiehlt, Richtung Sasa zu gehen und dort Bunker zu suchen.
Auf die Frage, ob er weiß, was abgeht, antwortet er sichtlich stolz: »Israel is attacking Iran!« – Wir gehen also Richtung Sasa, unterwegs hält noch ein Auto neben uns an und empfiehlt uns dringlich, in die Zivilisation zurückzukehren.
Nebenbei bekommen wir die ersten Meldungen zum aktuellen Geschehen. Nach wenigen Minuten und einem herrlichen Blick auf den Hermon erreichen wir einen Bunker nahe der Straße 89. Dort werden wir abgeholt.
Die Autofahrt ist total surreal. Einerseits ist alles so gut. Wir sitzen in einem modernen und hochwertigen Auto, die Sonne scheint, alles wirkt super friedlich. Aber wir sind mitten im Krieg. Es ist auch nirgendwo was los. Ich hatte mir immer vorgestellt, Krieg wäre was für Dritte-Welt-Länder. Anscheinend nicht nur.
Dann kommen wir in Maalot an. Ich packe kurz mein Zeug um, mache mir auf Ebene 2 was zu essen und fahre dann mit einer Familie, die zu Besuch ist, nach Shavei Zion. Kaum angekommen, geht der richtige Alarm los. Alle gehen in die Schutzräume, auch Leute aus dem Ort kommen zu uns. Kaum ist der erste Alarm vorbei, geht der nächste Alarm los.
So zieht sich der Tag, mal sind wir im Schutzraum, mal können wir ihn verlassen. Am späten Nachmittag, kurz vor Sonnenuntergang, stehe ich auf der Feuertreppe und schaue aufs Meer. Alles sieht aus wie immer, aber jetzt ist einfach Krieg.
Gegen Abend kehrt fast schon Routine in die ganzen Abläufen ein. Immer wieder ist Voralarm, oft dann auch richtiger Alarm für den Ort.
Mir geht es insgesamt nicht so gut. Ich weiß nicht wirklich, wie ich mich fühlen soll.
Mittwoch, den 4.3.2026: Über die letzten Tage ist das Kriegsgeschehen zum Alltag geworden. Ich habe mich gut an die Situation gewöhnen können. Immer wieder sind Alarme wegen Angriffen – und am Himmel sind sehr viele Flugzeuge zu hören.
Letzte Woche noch in der Wüste hatten wir versucht, Psalm 27 auswendig zu lernen. Jetzt denke ich immer wieder an den dritten Vers daraus: »Selbst wenn ein Heer sich gegen mich lagert, so fürchtet mein Herz sich dennoch nicht. Wenn Krieg sich gegen mich erhebt, so bin ich auch dabei getrost.«
Dieses Wissen, immer von Gott geschützt zu sein, trägt durch die Zeit. Und wir versuchen, trotz allem etwas Gutes aus der Zeit zu machen. Es sind schon einige Kontakte zwischen mir und Leuten aus dem Ort entstanden, als sie in der Küche geholfen haben.
Wir haben zu Purim aus dem Tag in gewissem Maß einen Feiertag machen können. Und die Kinder auf dem Gelände verbreiten gute Laune. So sind es am Ende immer irgendwie schöne Tage und ich kann schon recht entspannt auf das sehen, was kommt.

