24 »ganz normale« Stunden in Maalot

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Von Bärbel Ladner

Uns selbst scheint die ganze Situation etwas unvorstellbar, wie soll es dann denen gehen, die in Deutschland sind und immer wieder mit Bangen die Nachrichten von uns lesen? Wie kann man ein wenig von unserem Erleben, den Gefühlen, der Stimmung weitergeben? Hier ein Versuch, 24 Stunden Alltag im Ausnahmezustand zu dokumentieren (vom 18. auf den 19. März):

9:45 Uhr: Ich mache mich auf den Weg in den Sicherheitsraum im Nachbarhaus, wo wir als Nachtwächter relativ ungestört schlafen können (abgesehen vom Alarm, der bei Eindringen einer Drohne oder bei Raketen von der Hisbollah ertönt). Handy noch eben auf Flugmodus stellen, damit ich das Frühwarnsystem nicht höre – den Voralarm brauchen wir nicht, wenn wir uns schon in Sicherheit befinden.

10:30 Uhr: Ein Alarm reißt mich etwas unsanft aus dem Schlaf. Dann ein paar Knaller … Kann mich nicht allzu sehr in Unruhe bringen – hier ist man doch sicher …! – Ich wache auf, überlege mir in der Dunkelheit, wieviel Uhr es sein könnte – dem Gefühl nach irgendwann nachmittags. Ein Blick aufs Handy – oh nein, erst 11:40? Ok, ich versuche noch etwas zu schlafen, was mehr schlecht als recht gelingt. Egal, schließlich ist das Liegen allein auch schon gut als Vorbereitung für die nächste Nacht.

14:30 Uhr: Auf zum »Asyl«-Badezimmer (die Bewohner des obersten Stockwerks im MA-Haus können nicht mehr in die eigenen Zimmer, weil es dort keinen Schutz gibt bei direktem Alarm), duschen, Kaffee kochen, lesen … Die Gedanken schweifen ab zu manchen Menschen, die einem lieb sind und die zum Teil mehr unter den Auswirkungen des Kriegs leiden. Darunter sind Angehörige von verstorbenen Heimbewohnern: Eine wohnt in Rischon leZion im Zentrum des Landes. Sie sind sehr unter Beschuss vom Iran. Mehrmals am Tag und in der Nacht müssen diese Menschen die Schutzräume aufsuchen. In ihrer Gegend gibt es schon viele Schäden durch herabgestürzte Raketenfragmente. Eine andere Familie wohnt am Rand der Jesreelebene, in einer der vergangenen Nächte gab es einen Volltreffer einer iranischen Rakete im Nachbarort. Bei einem Ehepaar aus Naharia war ein Volltreffer in einem Haus im gleichen Wohngebiet. So ist das Kriegsgeschehen doch irgendwie vor der Haustüre, auch wenn man selbst gar nicht betroffen ist. – Diese Menschen leben alle ohne Gott, sind überzeugt von der Stärke der Armee, dankbar darüber, dass sie selbst noch unbeschadet geblieben sind. Wir beten dafür, dass sie eine persönliche Beziehung zu ihrem lebendigen GOTT bekommen. – Wenn man im Haus unterwegs ist, trifft man überall jemanden: Im Treppenhaus, in der Küche, am Klavier, bei der Kaffeemaschine … Jeder versucht das Beste aus der Situation zu machen. Am schmackhaftesten gelingt das in der Mitarbeiterküche, wo viel gebacken wird 🙂

17:50 Uhr: Dieser Ton ist uns nun schon wohl bekannt: Das Frühwarnsystem für eine Rakete aus dem Iran. Jeder macht sich auf den Weg in den nächsten Bunker. Manche spielen ein Spiel, andere setzen sich mit der Gitarre in eine Runde und singen. Andere unterhalten sich, man lernt sich besser kennen. So gibt es manche positiven Aspekte dieses engen Aufeinandersitzens. Nach 10 Minuten Entwarnung – jeder zieht wieder seines Weges.

20:30 Uhr: Heute ist Hauskreis, wir tauschen uns über den letzten Gottesdienst aus. Dieser war auch geprägt von Alarmen – einer davor, einer währenddessen, einer danach.

21:45 Uhr: Dienstbeginn im Pflegebunker. Ich gehe raus, um das Gittertor zu schließen, durch das wir mit den Heimbewohnern tagsüber auch mal an die frische Luft gehen können. Gerade bin ich mit dem Tor beschäftigt, da höre ich einen Alarm in der Nachbartschaft, danach knallt es mehrmals, ein Feuerball ist kurz zu sehen. Nichts wie rein …

22:15 Uhr: Einer der drei jungen Männer, die im Pflegebunker schlafen (für den Notfall), wünscht mir eine gute Nacht und begibt sich in seine »Schlafhöhle«. Als ich mich noch kurz mit der Bewohnerin, deren Bett direkt danebensteht, unterhalte, streckt er seinen Kopf nochmal raus, wechselt noch ein paar Worte mit ihr und verschwindet wieder. Kurze Zeit später kommt der Zweite. Ich entschuldige mich dafür, dass die Nächte nicht so sehr ruhig sind – momentan gibt es ein paar Bewohner, die etwas unruhig sind in der Nacht. – »Macht gar nichts, wir haben Ohropax. Wir freuen uns, dass wir hier schlafen dürfen.« – Ich schüttele den Kopf und verstehe die Welt nicht. Die Adiletten des Dritten fehlen noch vor seinem Bett. Irgendwann nach Mitternacht kommt er auch noch. Ok, jetzt sind alle komplett. Ich staune über unsere Männer. Sie sind zwar keine Soldaten auf dem Kampffeld, aber für uns und unsere Gemeinschaft unbezahlbar. – Die Nacht vergeht recht schnell. Dafür sorgt u.a. ein Heimbewohner, der die Nacht zum Tag macht und uns Nachtwächter so bei Bedarf vor dem Einschlafen bewahrt.

4:40 Uhr: Ich bereite die Medikamente für den Morgen vor, da überkommt mich eine schreckliche Müdigkeit. Jetzt merke ich, dass ich nur wenig geschlafen habe. Ich lege mich kurz auf ein freies Bett, weil ich Sorge habe, dass ich bei den Medikamenten Fehler mache, und beschließe, kurz die Augen zuzumachen, stelle mir vorsichtshalber den Wecker auf 10 Minuten.

4:41 Uhr: Das Frühwarnsystem reißt mich aus meinem Dämmerzustand – ist aber auch ein sehr unangenehmes Geräusch. Die Wirkung bleibt nicht aus. Das Adrenalin macht mich wieder fit. Ich nehme den Medizinwagen in den Bunker, baue die Rampen vor den Bunkertüren ab, schließe die eine schonmal zu, die andere überlasse ich Micha, der auch schon bald verschlafen um die Ecke kommt. Nachdem auch der Hund angekommen ist, ertönt auch schon ein Alarm. Die andere Türe wird zugemacht. Jetzt beten wir nur, dass keine Rakete ihr Ziel findet.

4:56 Uhr: Entwarnung. Micha macht die Türen auf, verschwindet wieder. Im Gegensatz dazu bleibt Balu, sein Hund, bei mir und ich muss aufpassen, dass ich nicht auf ihn trete, während ich die Waschschüsseln hole, um langsam mit dem Waschen der zum Teil wachen Heimbewohner zu beginnen.

5:19 Uhr: Wieder der unangenehme Warnton des Handys. Ich stelle schonmal Stellwände auf, um das Bett herum, wo ich gerade mit der Pflege beschäftigt bin. Bald darauf kommt Micha wieder, nun schon deutlich wacher. Die Türen werden wieder geschlossen. Diesmal folgt kein Alarm.

5:43 Uhr: Die nächste Warnung! Da ich jetzt nichts an den äußeren Gegebenheiten geändert habe, kann ich einfach meine angefangene Arbeit fortsetzen. Es tut mir nur leid für alle Mitarbeiter, die schon aufgestanden sind – das ist kein schöner Beginn eines neuen Tages …

7:00 Uhr: Übergabe an den Tagdienst, danach helfe ich einer Bewohnerin beim Aufstehen und Frühstücken.

7:31 Uhr: Schon wieder ertönt der Warnton. Jetzt wird die Sache schon etwas komplexer. Ich muss mit meiner Bewohnerin in den Bunker rein. Die Küchenmitarbeiter packen alles zusammen, damit sie die Zwiebeln auch im Bunker weiterschneiden können. Es wird sogar die Herdplatte und der Thermomix von der Stationsküche auf einen Wagen geladen und die Pfannkuchen im Bunker weiter gebraten. Alle sind guten Mutes, man hat sich schon ein wenig an die Verrücktheit der Situation gewöhnt.

Wir können bei allem doch ganz dankbar sein, dass es uns so gut geht. Wir haben einen gnädigen Vater,
der sich um uns kümmert. Und wir haben wunderbare Mitarbeiter!