Holocaust-Gedenktag mit Ruth Michel

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Ein Massengrab, in dem ihr Vater liegt: Die Holocaust-Überlebende Ruth Michel berichtet von ihrer Kindheit, die sie nicht hatte

Sie wurde 1928 im preußischen Königsberg geboren, der heutigen Stadt Kaliningrad in Russland. 91 Jahre ist sie heute alt – als Hitler 1933 die Macht übernahm und es für Juden in Deutschland immer unbequemer wurde, war Ruth Michel ein kleines Kind. Sie war nicht in Auschwitz oder einem anderen Konzentrationslager, den Holocaust überlebte sie auf der Flucht, getarnt, verlassen. Sie verlor ihren Vater und dann ihre Schwester – und wurde später zur engagierten Kämpferin gegen Unmenschlichkeit und gegen das Vergessen. Sie hat über ihr Leben geschrieben und wird darüber am Montag in Bad Liebenzell erzählen: am Holocaustgedenktag, dem 27. Januar 2020, genau 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz.

Die Schicksale der Überlebenden sind vielfältig, die Gräuel der Konzentrationslager stehen im Fokus der Aufmerksamkeit heutiger Erinnerungskultur. Aber auch außerhalb der Vernichtungsstätten herrschten brutale Verfolgung, Grausamkeit – Massenmord. Vieles ist in den Wirren der Nachkriegsgeschichte in Vergessenheit geraten. Ruth Michel erinnert sich daran. Und sie erinnert die Menschen daran.

Die Eltern flohen aus der ostpreußischen Heimat ins damalige Polen. Für mehr reichte wahrscheinlich das Geld nicht, vermutet sie heute. Sie hieß damals Ruth Rosenstock, ihre Mutter war evangelisch, ihr Vater Jude. Sie zogen zur Mutter des Vaters, einer sehr frommen orthodoxen Jüdin, nach Mykulytschyn, einem Dorf, das heute in der Ukraine liegt. Dorthin kehrte sie 2010 zurück, an einen vergessenen Ort des Schreckens. Dort liegt in einem Massengrab ihr Vater, Aaron Rosenstock, erschossen und verscharrt mit vielen anderen. Sie ließ das Grab instandsetzen, begrünen und mit einer Gedenktafel versehen. Ruth Michel fühlt sich persönlich für dieses Grab verantwortlich, niemand anders kümmert sich darum. Immer wieder schickt sie Geld hin für die Pflege.

Während die Gestapo die jüdische Bevölkerung sammelte und hinrichtete, versteckte sie sich mit ihrer Mutter und der kleinen Schwester im Wald. Schon zuvor hatte sie gelernt, Verantwortung zu übernehmen, »eine Kindheit hatte ich nie«. Ihr gelang die Rückkehr nach Königsberg, als polnische Zwangsarbeiterin getarnt. Dort überlebte sie wie durch ein Wunder die Bombardierung der Stadt. Nach dem Krieg wurde sie Zahntechnikerin, heiratete und zog mit ihrem Mann in die Nähe von Stuttgart, wo sie heute noch lebt.

Sie fühle sich frei von Traumata aufgrund ihrer schweren Kindheit, sagt sie. Es geht ihr gut. Nur einmal, als junge Mutter 1958, hatte sie Angstzustände, als sie Nazi-Schmierereien zu Gesicht bekam. Sie berichtet als Zeitzeugin an Schulen, hat ein Buch geschrieben – sie rät den Menschen, wachsam zu sein. »So etwas darf nie wieder passieren!«

Wie jedes Jahr am Holocaust-Gedenktag laden die Stadt Bad Liebenzell, der evangelische Schuldekan und Zedakah e.V. zu einer Zeitzeugen-Veranstaltung in den Spiegelsaal des Kurhauses ein. In diesem Jahr ist die Veranstaltung der Schlusspunkt einer zweitägigen Konferenz mit dem Titel »75 Jahre nach Auschwitz: Der Glaube an Gott im Angesicht des Schreckens«, die in Maisenbach stattfindet, im Gäsethaus Bethel von Zedakah.

Mit einem Altenpflegeheim und einem Erholungsheim macht Zedakah bereits seit fast 60 Jahren einen wertvollen Dienst praktischer Nächstenliebe an Holocaust-Überlebenden im Norden Israels. Zusammen mit dem Schuldekan des evangelischen Kirchenbezirks und dem gemeinnützigen Medienunternehmen »Morija« wird das multimediale Unterrichtsplattform »Papierblatt« betrieben, gemeinsam stehen die Projektpartner hinter der Tagung.

Die Veranstaltung am 27. Januar beginnt um 19.30 Uhr, Einlass in den Spiegelsaal ist ab 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Bürgermeister Dietmar Fischer von der Stadt Bad Liebenzell sowie die stellvertretende Landesvorsitzende der SPD, Dr. Dorothea Kliche-Behnke werden Grußworte halten.