Eine komplizierte Beziehung: Israel und die beiden deutschen Staaten

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Zwischen dem 1948 neugegründeten Staat Israel – dem Land der Opfer des Holocaust – und Nachkriegsdeutschland – dem Land der Täter – war nach dem Zweiten Weltkrieg ein tiefer Graben. Doch schon bald gab es erste Geheimverhandlungen zwischen den Staatsoberhäuptern David Ben-Gurion und Konrad Adenauer. Als die Gespräche bekannt wurden, herrschte unter den israelischen Juden verständlicherweise große Ablehnung.

Erst im März 1965 wurden diplomatische Beziehungen offiziell aufgenommen, eine Verständigung und langsam auch Versöhnung zwischen Deutschen und Juden begann.

Schon fünf Jahre zuvor, im Frühjahr 1960, begann die Arbeit von »Zedakah« in Israel. Seitdem unterstützt das Werk Holocaust-Überlebende in Israel durch eine Freizeitanlage am Mittelmeer sowie ein Altenpflegeheim in der Nähe der libanesischen Grenze. Die Zentrale ist in Maisenbach und von Anfang an ist Zedakah vom Auftrag des Trostes an den Juden und von der Liebe zu Israel geprägt. Der Theologe und Journalist Egmond Prill aus Kassel referierte auf Einladung von Zedakah und der Stadt Bad Liebenzell im Parksaal des Bürgerzentrums über das schwierige deutsch-israelische Verhältnis.

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Die beiden Ländern können heute – nach 50 Jahren diplomatischen Beziehungen und 70 Jahre nach Ende des Holocaust – auf eine einzigartige Erfolgsgeschichte zurückblicken. Dies sei eine gute Nachricht und der Referent bedauert, dass dies die Medien gar nicht sonderlich interessiere: »Läuft, kein Thema.«

Die Zusammenarbeit auf wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und auch militärischer Ebene sei sehr wichtig und alles andere als selbstverständlich. Egmond Prill betonte auch, dass bei allem Misstrauen zu Beginn Hilfsvereinigungen wie Zedakah den Neuanfang gefördert hätten. Immerhin hatte es noch sechs Jahre gedauert, bis nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Walter Scheel der erste deutsche Außenminister nach Israel eingeladen worden war.

Prill, selbst in der DDR aufgewachsen, beleuchtete auch das Verhältnis zum zweiten deutschen Staat, das er als »Unverhältnis« beschrieb. Die DDR-Führung habe die Mitverantwortung an den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs verleugnet und im Nahostkonflikt mit »Bosheit gegenüber Israel« agiert. Es habe enge Verbindung zwischen der DDR, der in der Bundesrepublik aktiven Terrorgruppe »RAF« sowie palästinensischen Terroristen gegeben.

Neben dem gegenwärtig insgesamt guten Verhältnis zwischen Deutschland und Israel sprach Prill auch Probleme an: Er beobachte einen neu wachsenden Antisemitismus. Hier wurde der Referent deutlich: »Hass auf Israel ist die neue Form des Antisemitismus!« – Unter dem Vorwand »Das wird man ja mal sagen dürfen« werde Israel in einer Art und Weise kritisiert, die beispiellos sei: »Haben Sie schon einmal etwas von ›Kolumbienkritik‹ gehört?« Gerade im Blick auf Aussagen einiger Intellektueller zeigte er sich besorgt.

Auch der Boykott von Waren aus den sogenannten »jüdischen Siedlungen« löst bei Egmond Prill großes Unbehagen aus: Was als Unterstützung gegen die angebliche Unterdrückung der Palästinenser gemeint sei, erinnere ihn an den Slogan der Nazi-Zeit: »Kauft nicht bei Juden!«

Nach seinem Vortrag beantwortete Prill noch einige Fragen der über 50 Zuhörer. Musikalisch umrahmt wurde der Abend von Lydia Häfele an der Violine und Rudolf Enz am Flügel.