55 Jahre Gästearbeit in Shavei Zion

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In diesem Jahr blicken wir auf 55 Jahre Gästearbeit zurück. Sowohl der Standort unseres Gästehauses als auch dessen räumliche Gegebenheiten wurden im Lauf der Zeit durch Erweiterungen und Renovierungen verändert, um neuen Anforderungen – sei es für die Gäste, sei es von Seiten der staatlichen Behörden – gerecht zu werden. Parallel dazu ist auch die Arbeit mit unseren Gästen dynamisch, woran wir Sie in diesem Bericht teilhaben lassen möchten.

Als das Ehepaar Nothacker die ersten Gäste in Nahariya aufnahm, waren erst 15 Jahre seit der Befreiung aus den Lagern vergangen. Viele der Überlebenden gründeten wieder neue Familien und standen im Arbeitsprozess. Für sie war zeitlich keine Möglichkeit der Erholung gegeben. Wer damals von den Überlebenden Zeit hatte für einen 14tägigen Urlaub, war körperlich oder psychisch nicht mehr imstande zu arbeiten. Daher gab es damals nicht nur Gäste im Rentenalter, sondern auch relativ junge Menschen kamen ins Beth El in Nahariya. Doch waren es alles Menschen mit einer schwer verwundeten Seele, von den körperlichen Gebrechen ganz zu schweigen. Finanzielle Schwierigkeiten und sehr auffällige, psychisch belastende Verhaltensweisen beschwerten diese Menschen und ihr Umfeld.

Aufgrund der ständig wachsenden Nachfrage nach einem Erholungsaufenthalt galt die bevorzugte Einladung den Überlebenden, die besonders finanziell hilfsbedürftig waren.

Mit Beginn der großen Einwanderungswelle aus der ehemaligen Sowjetunion in den 90er Jahren mussten wir unsere Aufnahmekriterien neu überdenken. Viele der Neueinwanderer bekamen zwar nur die Mindestrente, fielen aber hauptsächlich in die Kategorie der sogenannten Holocaustflüchtlinge, d. h. dass sie beim Einmarsch der Deutschen ihre Heimat verlassen konnten, bevor sie in ein Ghetto oder Konzentrationslager deportiert wurden. Auf der anderen Seite wanderten die Lagerüberlebenden schon früh nach Israel ein, da viele von ihnen nicht nur die Heimat, sondern auch die Familie verloren hatten. Sie standen in Israel im Arbeitsprozess und sind heute im Rentenalter keine Sozialfälle mehr. Aus diesem Grund entschieden wir, dass wir zu allererst ein Haus für Holocaustüberlebende sind und nicht für arme Menschen.

Heute gibt es unter unseren Gästen nur noch wenige Lagerüberlebende, denn jüdische Kinder wurden von den Nationalsozialisten sofort vernichtet, und die damaligen Jugendlichen sind heute zwischen 85 und 90 Jahre alt und oft auch auf fremde Hilfe angewiesen, was wir mangels entsprechender räumlicher Gegebenheiten nicht bieten können.

Eine höhere Überlebenschance hatten Kinder, die in den Lagern und Ghettos gefangen waren, welche bis zum Einmarsch der Roten Armee bestehen blieben und nicht vorher geräumt wurden. Beispielhaft für solche Orte in der heutigen Ukraine stehen Namen wie Winniza, Schargorod, Kopaigorod, Peczora.

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Mitarbeiterin mit Gast

Seit einigen Jahren nun sind die meisten unserer Gäste sogenannte Holocaustflüchtlinge. Sie lebten mit ihren Familien in Gebieten, die erst durch den Russlandfeldzug ab Juni 1941 direkt vom nationalsozialistischen Terror betroffen waren. Viele Familienväter waren bereits zur Roten Armee eingezogen, und die Mütter mit den Kindern hörten die Gerüchte über die Greueltaten der Nazis. Als die Front näherrückte, flohen sie zu Fuß, per Zug, mit Holzwagen oder auch per Schiff. Bombardements, Tod, Krankheiten, Hunger, Kälte waren ständige Begleiter auf der Flucht, und auch in ihrem Asyl wurden sie als Flüchtlinge und Juden oft ausgegrenzt. So versuchten die meisten, 1944 nach der Befreiung der Ukraine, Weißrusslands und Moldawiens gleich wieder in die Heimat zurückzukehren. Dort erwarteten sie allerdings nur Zerstörung und wieder Hunger und Not. Doch alle hofften auf die Heimkehr ihrer Männer und Väter und harrten deswegen dort aus im Bemühen, eine neue Existenz aufzubauen.

Ein besonderes Fluchtschicksal sei hier beispielhaft erwähnt: Die Mutter, im neunten Monat schwanger, floh mit ihrem Bruder auf einem Holzwagen. Die Geburt setzte dann auch prompt ein, wofür kurz Halt gemacht wurde, dann ging es weiter auf der Flucht, denn die Deutschen setzten ihren Vormarsch schnell fort. Die damals Geborene schreibt, dass ihre Mutter fünf Monate lang keine Möglichkeit hatte, sie zu waschen.

Bis zu Beginn der 90er Jahre konnte die Gästearbeit ausschließlich auf deutsch bewältigt werden. Da viele Überlebende damals auf mehrere Jahrzehnte ihres Lebens in Israel zurückblicken konnten, fügten wir dann Hebräisch als Zweitsprache hinzu. Als vermehrt sowjetische Neueinwanderer als Gäste zu uns kamen, konnten die meisten weder Deutsch noch Hebräisch, jedoch Jiddisch. So hatten wir wieder eine Möglichkeit, mit ihnen zu kommunizieren. Aber die starke Einwanderung aus dieser Region mit über einer Million Menschen bemerkten wir an der Zunahme der Sprachbarriere. Unsere Gäste brauchten sich bereits nicht mehr in einen Arbeitsprozess einzugliedern und lernten nur noch spärlich Hebräisch, denn in ganz Israel ist Russisch eine geläufige Sprache geworden. Auf Jiddisch können ebenfalls immer weniger Leute zurückgreifen. So fügten wir vor einigen Jahren noch Russisch als dritte Sprache für die Abkündigungen und biblischen Texte hinzu. Dies ist dadurch möglich, dass Gott in seinem treuen Versorgen zeitgleich russlanddeutsche Mitarbeiter zu uns ins Werk führte, die diese Übersetzungsaufgabe übernehmen können.

Die Nachfrage ist nach wie vor sehr hoch, und wir haben momentan wieder eine fast vierjährige Wartezeit. Auch haben wir noch immer die Regelung, dass grundsätzlich ein Aufenthalt möglich ist. Ein zweiter Besuch ist nur möglich, wenn durch eine spontane Absage ein freies Zimmer vergeben werden kann.

Nachfolgend einige Berichte, die beispielhaft für das Schicksal unserer momentanen Gäste stehen:
Ein Gast kam mit seiner Familie ins Ghetto Wischnitz. Als der Vater verstand, dass die Auflösung des Ghettos bevorstand, suchte er ein Versteck auf einem Dachboden, und die Familie entkam der Liquidierung. In der darauffolgenden Nacht flohen sie in den nahegelegenen Wald und bauten sich einen Erdbunker. Dort lebten sie, Vater und Mutter mit drei Kindern und der Schwester der Mutter, ein ganzes Jahr lang. Als das Versteck von den Deutschen entdeckt und mit Handgranaten zerstört wurde, verbrannten die Eltern mit den beiden Töchtern in dem Erdbunker. Der Bruder, unser heutiger Gast, und seine Tante befanden sich zu diesem Zeitpunkt im Freien und mussten aus der Ferne dieses Verbrechen beobachten. Daraufhin versteckten sie sich im Wald, bis die Tante, wahrscheinlich höchst traumatisiert, sich von ihrem damals achtjährigen Neffen trennte. Der Kleine verdingte sich bei der Bevölkerung als Hirte und schlug sich so durch.

Unser Gast Herr E. wurde mit seiner Familie aus der Bukowina nach Transnistrien verschleppt und ins Ghetto Mogilev eingesperrt. Von dort kamen sie ins Lager Obokow, wo sein Vater starb. Danach mussten sie weiter ins Lager Kasmosow. Dort starb seine Mutter. Er flüchtete mit seinen beiden Geschwistern zurück ins Waisenhaus des Ghettos Mogilev, denn dort waren die Verhältnisse im Vergleich besser gewesen. Vor Kälte und Hunger starben aber dort zuerst der Bruder, danach die Schwester. So blieb er alleine übrig und wurde nach der Befreiung von der jüdischen Organisation Joint mit anderen Waisen nach Rumänien gebracht. Als die Rote Armee dort einmarschierte, sonderten sie alle jüdischen Waisen aus und brachten sie wieder ins Ghetto Bochosch. Dort nahm sich ein kinderloses Ehepaar seiner an. Bei ihnen blieb er bis 1947.

Ähnliches erlebte Herr K., der – ebenfalls aus der Bukowina – 500 Kilometer zu Fuß nach Transnistrien gehen musste. Auf dem Weg starben seine Mutter und vier Geschwister. Im Ghetto in Winniza kamen nur noch sein Vater, eine Schwester und er an. Was hier so schnell niedergeschrieben wird, beschreibt nicht den jahrelangen täglichen Überlebenskampf, die Demütigungen, die physischen und seelischen Qualen, den Verlust der menschlichen Würde oder die Untaten der Nazis und ihrer Verbündeten. An dieser Stelle können wir nur kurz wiedergeben, welche der allerliebsten Menschen ihnen genommen wurden oder wie unmenschlich ein Leben begann und meistens gleich wieder erlosch. Wer kann solche Erlebnisse und Bilder vergessen? Sie stehen einfach da: in den nächtlichen Träumen, bei entsprechenden Begebenheiten, die eine Brücke bilden, an bestimmten Jahresdaten …

Nach wie vor ist die einzige Sprache mit solch geschundenen Menschen die Liebe. Und diese wollen und dürfen wir ihnen weitergeben, weil wir selbst Vergebung und Liebe in Jesus erfahren haben. Es ist für uns ein großes Vorrecht, Gottes Volk auf diese Art dienen zu dürfen. Voller Dankbarkeit blicken wir auch auf Gottes Treue, wie er das Werk all die Jahre hindurch finanziell getragen und Mitarbeiter geschickt hat.

Der Holocaust ist eine Folge der zweitausendjährigen Entfremdung und geistlichen Enteignung des jüdischen Volkes. Mit Hochmut oder Verachtung schauten wir auf sie und behandelten sie entsprechend. Doch nun, nach dem Holocaust und nachdem wir die Bibel in so vielen Übersetzungen und sogar im Urtext haben, sind wir alle aufgeklärter, weiser und geistlicher gesinnt. Aber was erleben wir um uns herum? »Die Israelis sind an allem schuld. Kauft nicht bei den Israelis.« Erst 70 Jahre sind vergangen seit Ende des Krieges. Die letzten überlebenden Zeitzeugen des Holocaust sind noch unter uns. Entsetzt sehen wir diese anti-israelische Entwicklung in Deutschland, Europa, Amerika. Eine Holocaustüberlebende prägte uns den Satz ein: »Ich habe keine Angst vor den wenigen Extremisten. Doch ich habe Angst vor der schweigenden Mehrheit.«

Wir haben den Beweis durch den 1948 entstandenen Staat Israel, dass Gott seine Berufung, Israels Erwählung, nicht zurückgenommen hat. Und Gott segnet und behütet diesen Staat und sein Volk offensichtlich. So wollen auch wir so handeln und reden, wie es in unserem Vermögen steht, und für Gottes Volk und damit für den Staat Israel einstehen.

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Entspannung auf der Schaukel