
aus: »Das Liebeswerk Zedakah: Wohltätigkeit an Juden, die den Holocaust überlebt haben« von Elisabeth Bodemer, 1997; aktualisiert und überarbeitet von Timo Roller, 2010
Shavei Zion, einst von Rexinger Juden gegründet und heute beliebtes Ferienziel von Touristen, ist ein Ort, an dem sich Holocaust-überlebende erholen können. Im Gästehaus des Liebeswerks »Zedakah« werden jährlich ca. 450 Gäste – Juden, die den Holocaust überlebt haben und inzwischen in Israel leben – zu einem kostenlosen 10-tägigen Erholungsurlaub aufgenommen.
Wo man einst eine Öde am Meer mit Dornen und Disteln vorfand, sehen wir heute, inmitten eines schönen Gartengeländes, drei Gebäudegruppen: an der Einfahrt das Wohnhaus der Mitarbeiter und das Büro, dahinter die Werkstatt und Waschküche, gegenüber auf der südlichen Seite des Grundstückes die Küche und den großen Speiseraum, von dem aus man in das geräumige Gästehaus gelangt. Dort können jeweils 45 Holocaust-überlebende in Einzel- und Doppelzimmern untergebracht werden. Für den Ernstfall ist auch ein Bunker vorhanden, der allerdings so eingerichtet ist, dass man ihn für Vorträge, Filmvorführungen und Andachten nutzen kann. Schutzräume auf den Etagen des Gästehauses ergänzen die Sicherheitseinrichtungen, die an diesem Ort nur wenige Kilometer von der libanesischen Grenze vorgeschrieben und auch notwendig sind. Aber Bäume und blühende Büsche, allerlei Kakteenpflanzen und Blumenbeete, Rasenflächen und Wege machen den mit Fleiß und Liebe angelegten und gepflegten Garten zu einem Ort, an dem man sich gerne aufhält.
Viele Gäste kommen zum ersten Mal an diesen Ort. Andere kennen das Gästehaus von früheren Aufenthalten. Nach Anmeldung und einer gewissen Wartezeit werden die Holocaust-Überlebenden eingeladen. Gebrechliche können das Angebot in Begleitung wahrnehmen. Teilweise kommen Ehepartner mit, die nicht direkt vom Holocaust betroffen waren. Alle Gäste sollen sich rundum wohlfühlen, sich erholen und Gelegenheit zur Begegnung haben. Die Holocaust-Überlebenden sollen auch hier erleben dürfen: Gott liebt sie immer noch! Unsere Mitarbeiter versuchen dies durch ihren Dienst zu vermitteln.
Bei der Anreise sind viele der Gäste zurückhaltend. Sie müssen sich ja mit zwei Dingen auseinandersetzen: sie kommen zu Deutschen, und diese Deutschen sind Christen. Doch der Kontakt zu den Mitarbeitern ist meist bald hergestellt. Persönliche Begegnungen zwischen Gästen und Mitarbeitern sind tagsüber öfter möglich. Ob beim Putzen, im Speisesaal, im Garten oder an der Werkstattür – Gelegenheiten zu Gesprächen gibt es immer wieder. Die Begegnungen sind den Mitarbeitern insbesondere deshalb wichtig, weil sie die Not ihrer Gäste ernst nehmen und sie trösten möchten. Nach unserer Meinung greift menschlicher Trost zu kurz. Deshalb möchten wir unsere Gäste mit dem Wort Gottes trösten, indem wir täglich Abschnitte aus der Bibel vorlesen, zu den Mahlzeiten beten und Glaubenslieder singen. Dadurch versuchen wir, dem alttestamentlichen Wort aus Jesaja 40,1, welches im Speisesaal des Gästehauses an die Wand geschrieben ist, nachzukommen. Dort ist zu lesen: »Tröstet, tröstet mein Volk [Volk Israel]! spricht euer Gott.« Wir möchten den Holocaust-Geschädigten helfen, ihrem Gott, dem Gott Abrahams, lsaaks und Jakobs neu zu vertrauen, da der Glaube an Gott durch die schwere Schicksalszeit oft sehr gelitten hat. Deshalb sind im Gästehaus auch verschiedensprachige Bibeln ausgelegt.
Dass die Holocaust-Geschädigten den gesamten Aufenthalt im Gästehaus Beth-EI in Shavei Zion schätzen, soll folgender Auszug aus dem Gästebuch zeigen: »Ich weiß nicht, ob man in Worten alles ausdrücken kann, was man empfindet. Ich will versuchen, Ihnen allen unseren herzlichen Dank auszudrücken für all das Liebe und Schöne, das Sie uns bieten. Wir sind fast alle alt und krank, da wir eine schwere Vergangenheit hinter uns haben. Wenn wir aber den tiefen und ehrlichen Glauben auf Ihren jungen Gesichtern sehen, so bringt das auch uns näher zum lieben Gott, an dem wir (als wir in großer Not waren) oft gezweifelt haben. Ich will hoffen, dass Euch dieser Glaube erhalten bleibt und Ihr weiter Gutes für alle Menschen tun werdet, wie bis jetzt ... « (zitiert im Freundesbrief 3/95).
Ein anderer Gast drückte sein Empfinden nach dem Erholungsurlaub wie folgt aus: »Ich lebe auf dieser Welt schon 72 Jahre, habe in einigen Ländern gelebt, an einigen Hochschulen studiert, viele Jahre an Hochschulen doziert, aber nie und nirgends habe ich an einem Platz so viele gute, liebenswürdige, hilfsbereite und edle Menschen getroffen, wie in Ihrem Haus! Ihr seid wahrhaft eine Insel des Edlen in dieser hektischen Zeit und Welt. Meine Frau und ich danken Euch für alles Gute!« An gleicher Stelle wird ein weiterer Gast zitiert: »Ich möchte Euch, der Leitung des Hauses, danken, dass Ihr es uns ermöglicht habt, für zwei Wochen hier Ferien zu machen. Wir haben keine Worte, Euch für all das zu danken; den Mitarbeitern mit ihrer Zuwendung zu uns, die wir in diesen zwei Wochen erfahren durften. Ihr habt uns schöne Zimmer mit allen Annehmlichkeiten gegeben, ausgezeichnetes Essen, einen schönen Garten, Ausruhen, Ausflug, Filme, Chor. Und das alles werden wir nie vergessen. Jeder von uns hier hat den schrecklichen und grausamen Holocaust durchgemacht, und wir sind alleine übriggeblieben, weil die ganze Familie, Eltern, Brüder und Schwestern, in den Vernichtungslagern umgekommen sind. Und das kann man nicht vergessen. Wir haben uns so gefühlt, als wären wir hier mit unseren Eltern, Brüdern und Schwestern zusammen« (zitiert im Freundesbrief 3/96).
Neben den jüdischen israelischen Reisegruppen, den Holocaust-Geschädigten, kommen auch deutsche Reisegruppen nach Shavei Zion – Menschen aus dem Volk der Täter. Das Werk organisiert zweimal im Jahr, immer im Frühjahr, Reisen nach Israel. Die Teilnehmer besuchen während der Reise das Werk in Israel und wohnen zum Teil auch im Gästehaus Beth-EI. Dies stellt für die Mitarbeiter einerseits den Kontakt zur Heimat her. Andererseits sollen die Reisen aber vor allem der gegenseitigen Verständigung zwischen Israel und Deutschland sowie zwischen Juden und Christen dienen. Es ist festzuhalten, dass Shavei Zion vor allem eine Erholungsstätte ist, aber zugleich auch eine Begegnungsstätte darstellt, möglich durch den selbstlosen Einsatz der Mitarbeiter und Menschen, die das Werk finanziell tragen.
In der Ursprungsfassung als Zitate ausgewiesene Textstellen aus Zedakah-Veröffentlichungen wurden wegen besserer Lesbarkeit in den Fließtext übernommen und gegebenenfalls etwas angepasst.