
aus: »Das Liebeswerk Zedakah: Wohltätigkeit an Juden, die den Holocaust überlebt haben« von Elisabeth Bodemer, 1997; aktualisiert und überarbeitet von Timo Roller, 2010
Im Altenpflegeheim des Liebeswerks Israel »Zedakah« in Maalot werden 24 alte und pflegebedürftige Juden, die den Holocaust überlebt haben und noch heute an den Folgeschäden leiden, auf zwei Pflegestationen betreut. Für die Mehrzahl der Heimbewohner ist Deutsch die Muttersprache. Dadurch, dass bereits alle Mitarbeiter Deutsche sind, und vor allem die Kurzzeitmitarbeiter die hebräische Sprache nicht beherrschen bzw. diese nicht so schnell erlernen können, wird bei der Aufnahme darauf geachtet, dass die Heimbewohner Deutsch oder Jiddisch sprechen. Jiddisch ist eine Mischsprache mit deutschen, hebräischen und slawischen Bestandteilen. Wenn ein Heimbewohner kein Deutsch und kein Jiddisch spricht, wird die Verständigung über andere Sprachen (z.B. Hebräisch) versucht. In solchen Fällen helfen die wenigen israelischen Mitarbeiter in Maalot oft, die Sprachbarriere zu überwinden. In den letzten Jahren wurden auch russisch sprechende Bewohner ins Heim aufgenommen, parallel dazu gibt es immer mehr Mitarbeiter aus russlanddeutschen christlichen Gemeinden in Deutschland. Vorbehalte von seiten der Heimbewohner gegenüber den deutschen Mitarbeitern gibt es nach unserer Erfahrung nicht, denn Menschen mit Vorbehalten würden das Angebot nicht wahrnehmen. Im Gegenteil stellen wir fest, dass es unter den jüdischen Menschen durchaus die Meinung gibt: »Bei denen [im Elieser]ist es am besten.« Das Altenpflegeheim hat in Israel einen guten Ruf. Die Nachfrage nach Heimplätzen ist relativ groß.
Die Auswahl der Heimbewohner stellt für uns oft keine leichte Entscheidung dar. Schwierig ist es vor allem, wenn Anfragen von Menschen mit einer relativ guten finanziellen Grundlage kommen, die dementsprechend auch bezahlen möchten. Es ist uns aber wichtig, dass das Werk diejenigen findet und aufnimmt, die arm sind oder einfach keine Familie haben. Wir sind immer wieder bemüht, die Ärmsten und Einsamsten aufzunehmen und bis zu ihrem Tod zu pflegen.
Je nach Vermögensgrundlage zahlen die Heimbewohner einen Anteil für ihre Pflege in Beth Elieser. Ansonsten wird das Heim durch Spendengelder finanziert, denn Geld aus öffentlicher Hand gibt es nicht, weder von der Bundesrepublik Deutschland noch vom Staat Israel.
Der »Liebesdienst« erstreckt sich auf die komplette Arbeit der Mitarbeiter. Dies zeigt sich u.a. daran, dass die Mitarbeiter die gesamte Pflegestation flott halten, dass also die sechs bis neun Mitarbeiter, die auf einer Station tätig sind, für den gesamten Arbeitsanfall, einschließlich der Stationsküche und der Putzarbeit verantwortlich sind. Das Altenpflegeheim entfernt sich dadurch vom gewöhnlichen Heimcharakter und kommt einem wirklichen »zu Hause« näher. Die Heimbewohner werden in ihren ganzen Bedürfnissen, so weit dies eben geleistet werden kann, von einer Gruppe von Menschen betreut, die für sie mehr sind als professionelle Helfer. Das kann für die Bewohner bedeuten: Sie halten sich nicht in einer »Altenanstalt« auf, in welcher hier Pflegepersonen und dort Putzfrauen ihre Arbeit verrichten, sondern sind im Heim zu Hause und haben Menschen um sich, die zu ihnen gehören und ein Stück ihres Weges mit ihnen gehen. Diese Arbeitsorganisation hat einen positiven Einfluss auf die gesamte Heimatmosphäre, was für die Heimbewohner, die alle im Schatten der Schoah (Holocaust) stehen, nicht unbedeutend ist.
Jeweils am Freitag Abend, dem Erew Schabbat (Vorabend des Sabbat), essen alle Mitarbeiter zum Anfang vom Schabbat gemeinsam mit den Heimbewohnern auf der Station. Dadurch, dass nach jüdischer Berechnung der Tag mit dem Abend beginnt, wird der Schabbat von Freitagabend (Erew Schabbat) nach Einbruch der Dämmerung bis Samstagabend (Moze Schabbat ) nach Erscheinen von drei Sternen gefeiert. Der Schabbat ist als siebter Tag der Schöpfungswoche der Ruhetag für die Juden, den Gott heiligte (vgl. 1. Mose 2,3 und 2. Mose 20,11). Der Anfang vom Schabbat ist für die Heimbewohner ein Höhepunkt. Neben dem Schabbat und anderen Festtagen ist der Alltag im Altenptlegeheim für die Heimbewohner keineswegs langweilig oder monoton. Es gibt einen Physiotherapieraum und verschiedene Angebote der Beschäftigung für die alten Menschen.
Jeder unserer Heimbewohner ist ein Original Gottes, auch in seinem Gewordensein, in seinen Eigenarten, bei aller Schwäche und Hinfälligkeit. Er ist Gegenstand der Liebe Gottes!
In der Ursprungsfassung als Zitate ausgewiesene Textstellen aus Zedakah-Veröffentlichungen wurden wegen besserer Lesbarkeit in den Fließtext übernommen und gegebenenfalls etwas angepasst.